Warten auf Sicherheit

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Die Welt wäre für Mustafa Nasif in Ordnung, hätte er nur endlich die Berufserlaubnis und seine Familie bei sich. Im Ketteler-Krankenhaus hat er eine vorübergehende Bleibe gefunden. Als Hospitant verdient der 31-Jährige dort aber kein Geld.

Offenbach - Die schlechten Nachrichten für Mustafa Nasif reißen nicht ab. Nichts geht mehr, der Bildschirm bleibt schwarz. Jetzt ist auch noch sein Notebook kaputt und damit der einzige Draht zu seiner Familie in Syrien abgerissen. Von Fabian El Cheikh

Frau und die beiden kleinen Kinder leben in der heftig umkämpften nordsyrischen Stadt Aleppo – und Mustafa Nasif kann sie nicht erreichen, kann sich nicht vergewissern, dass es ihnen gut geht. „Das Telefonfestnetz funktioniert nur selten, das Handynetz ist abgeschaltet“, klagt der 31-Jährige. Er ist verzweifelt.

Seit Februar lebt der junge Arzt in Offenbach. In einem kleinen Zimmer im Schwesternwohnheim des Ketteler-Krankenhauses. Chefarzt Dr. Stephan Sahm, ein bekennender Syrienfreund, hat ihm eine unbezahlte Jahreshospitation in der Chirurgie des katholischen Hauses ermöglicht, damit er Fuß fassen kann in Deutschland. Vor einem Jahr war er schon einmal da, nun ist er zurückgekehrt – und in seiner Heimat Krieg ausgebrochen.

Warten auf die Berufserlaubnis

Wie lange er in Offenbach bleiben kann, ist ungewiss. Mustafa Nasif wartet seit Monaten auf die Berufserlaubnis und die ersehnte Approbation. Alle Unterlagen sind eingereicht, von der Geburts- und Eheurkunde bis zu den Nachweisen seines Studiumabschlusses und der deutschen Sprachkenntnisse. „Aber noch immer habe ich keine Zusage des Regierungspräsidiums in Arnsberg.“ Die Zeit drängt, der junge Mann könnte längst arbeiten und Geld verdienen. Ein Krankenhaus in Siegen hält ihm eine Stelle in der Chirurgie frei. Noch. Für wie lange, das weiß er nicht. Das Ausländeramt in Offenbach hat ihm sehr geholfen, dort kann er seine Aufenthaltserlaubnis immer wieder verlängern. Nur arbeiten darf er damit nicht. „Ich möchte meine Familie nachholen, so schnell es geht, in Syrien sind sie nicht mehr sicher. Aber dazu muss ich über ausreichendes Einkommen verfügen.“

In Offenbach verdient er keinen Cent. So lebt Mustafa Nasif vor allem von Angespartem und der finanziellen Unterstützung seiner Verwandten in Syrien. Seit aber die Rebellen in ihrem Aufstand gegen das verhasste Assad-Regime in Damaskus den Krieg nach Aleppo – in die Handelsmetropole im Norden Syriens – getragen haben, ist die Situation für Mustafa Nasifs Familie nicht mehr nur lebensgefährlich, sondern beinahe lebensfeindlich geworden. „Essen, Trinken, Medikamente, alles ist, wenn überhaupt noch in der Stadt vorhanden, unbezahlbar geworden“, berichtet der Arzt. Viel bleibt da nicht übrig, was seine Familie nach Deutschland schicken könnte. Ein Freund in Kassel greift ihm unter die Arme. Ein Zustand, den Mustafa Nasif so schnell wie möglich beenden will. Er blickt aus dem Fenster seines Zimmers im vierten Stock, auf den Krankenhaustrakt und auf die Baumwipfel, die sich im sanften Sommerwind neigen.

Friedlich ist es in Offenbach

Friedlich ist es in Offenbach, sicher. Kinder, die lachend auf dem Gehweg spielen, alte Menschen, die ihren Einkaufswagen hinter sich herziehen, zwei Radfahrer, die in gemütlichem Tempo die Straße am Krankenhaus queren. Kaum auszuhalten für den Familienvater, solange er seine Liebsten nicht in Sicherheit weiß. Vor einigen Monaten wurde sein jüngerer Bruder verhaftet, als er freitags die Moschee besucht hatte. „Plötzlich war überall Tränengas, Sicherheitskräfte und die Shabiha-Milizen haben die Moschee gestürmt. Mein Bruder hat den Verletzten geholfen, und als er die Moschee verlassen wollte, überwältigten sie ihn und nahmen ihn mit.“

Der Bruder landete in der Geheimdienstzentrale, später bei der Polizei. Insgesamt 27 Tage musste er dort verbringen, man mag sich kaum vorstellen, wie es ihm ergangen ist. Später hat ihn das Innenministerium begnadigt, er kam wieder auf freien Fuß, seither lebt er in ständiger Furcht. „Die kennen mich jetzt, ich muss aufpassen“, hat er seinem Bruder in Deutschland am Telefon gesagt. Der ist alarmiert. Schon einmal wurde ein Bruder bei einer Demonstration in Aleppo verletzt, eine Gewehrkugel streifte sein Gesicht. Ein Onkel starb bei einem Angriff auf dessen Haus.

Hubschrauber, Kampfjets und Artillerie

In der vergangenen Woche schließlich haben seine Frau und die Kinder zusammen mit den Eltern Aleppo verlassen. Sie leben in einem Nachbarviertel von Salaheddin, jenem Stadtteil, der seit bald vier Wochen von der regulären syrischen Armee mit Hubschraubern, Kampfjets und Artillerie in Schutt und Asche geschossen wird. „Tag und Nacht haben sie die heftigen Angriffe miterlebt, sie konnten nicht mehr auf die Straße gehen, es war zu gefährlich.“

Dann haben sie in einer Feuerpause die Flucht ergriffen. „Drei Tage mussten sie warten, bis sie Benzin auftreiben konnten.“ Danach ging es mit dem Auto in ein vermeintlich befreites Dorf an der Grenze zur Türkei. Wenige Tage waren sie dort sicher, bis auch dieser Ort angegriffen wurde. „Jetzt sind sie wieder in Aleppo.“ Und die Odyssee ist noch nicht zu Ende. Der Kampf in Syrien geht weiter. Eigentlich will Mustafa Nasif sie auffordern, in das Haus eines Onkels weit weg von Aleppo zu fliehen. Doch das Notebook funktioniert nicht. Und mit dem Handy kommt er nicht durch.

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