Krankenhaus in Offenbach verkauft

Was Klinik-Konzerne wollen

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Professor Dr. Andreas Goldschmidt

Offenbach - Klinikum meistbietend zu verkaufen! Im Winter wurde von der Stadt Offenbach beschlossen, das defizitäre Krankenhaus zu veräußern. In diesen Tagen fallen die Würfel. Bis zuletzt waren mehrere private Klinik-Konzerne im Rennen.

Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei dem Krankenhaus-Spezialisten Professor Dr. Andreas Goldschmidt nach:

Grundsätzlich: Welche Vorteile könnte der Kauf des Klinikums Offenbach für einen privaten Klinikkonzern bringen?

Die Übernahmemotivation von Krankenhäusern durch Gesundheitskonzerne ist zunächst einmal die Erschließung neuer Regionen der Gesundheitsversorgung, in denen man entweder gar nicht oder nur spärlich präsent ist. Im vorliegenden Fall geht es also um Wachstum durch Zukauf und nicht durch Steigerung der Leistungen in den bereits vorhandenen eigenen Einrichtungen. Die Vorteile von Übernahmen ergeben sich dann aus der Mobilisierung von Synergieeffekten durch Kostensenkung an verschiedenen Stellen; zum Beispiel durch Zusammenlegung von Organisationseinheiten, deren Leistungen in mehreren Kliniken benötigt werden, aber standortunabhängig betrieben werden können. Der wichtigste Vorteil ergibt sich aber durch ein hervorragendes medizinisch-pflegerisches Leistungsangebot, das durch erhebliche Reserven bei der Zusammenarbeit mit den Haus- und Fachärzten der Region sowie anderen Gesundheitseinrichtungen geprägt ist.

Wo liegen die Vorteile für private Konzerne beim Kauf des Klinikums Offenbach mitten im Rhein-Main-Gebiet?

Die Vorteile eines Kaufs wären für beide Konzerne im Wesentlichen gleich: Zunächst einmal geht es darum, den Fuß in ein Großkrankenhaus in einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas mit besten Aussichten im Gesundheits-„Markt“ zu setzen. Die Kostensenkungen erfolgen dann recht schnell bei einigen Anteilen in den Verwaltungsbereichen von der Personalabteilung bis zur EDV, aber auch in der Küche, Reinigung, Warenhaltung und Wäscheversorgung. Erreicht werden gegebenenfalls zusätzliche Einkaufsvorteile durch Bündelung der Nachfrage. Ganz entscheidend ist aber die Abstimmung der medizinischen Leistungsstrukturen für den Käufer, um Doppelvorhaltungen von Ressourcen - zum Beispiel bei medizinischen Großgeräten wie MRT, PET/CT - zu vermeiden oder um Mindestmengenanforderungen bei bestimmten Eingriffen sicherzustellen. Damit zusammenhängend geht es dann auch um solche Dinge wie die Optimierung des Bettenmanagements, der Personalausstattung, die Personalplanung sowie die Fort- und Weiterbildung.

Zum Beispiel Asklepios oder Sana - wo liegen die unternehmenskulturellen Unterschiede?

Beide Konzerne sind schon seit vielen Jahren - meist erfolgreich - in Deutschland aktiv. Ihre Gründungsdaten, Standorte, beziehungsweise Geschäftszahlen und Visionen kann sich jeder transparent im Internet ansehen. Keiner von den beiden Konzernen hat bislang einen wirtschaftlich besorgniserregenden Eindruck hinterlassen. Wurzeln, Visionen und Marktauftritt unterscheiden sich jedoch. Interessant sind aus objektiver wie subjektiver Sicht die unternehmenskulturellen Dinge.

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Asklepios war offenbar auch in Offenbach im Rennen und ist in der Region gut aufgestellt ...

Der „starke Mann“ ist dessen Gründer und Gesellschafter, der Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwalt Dr. jur. Bernard Broermann. Asklepios hat 2011 die Mehrheit am Reha-Anbieter MediClin übernommen, der auch am Klinikum Offenbach tätig und dessen Chef Dr. Ulrich Wandschneider nun auch Vorsitzender der Konzerngeschäftsführung von Asklepios ist. Langjähriger erfolgreicher „Macher“ als Hauptgeschäftsführer war der jetzige Ameos-Chef Dr. Axel Paeger, der seine frühen Erfahrungen mit sogenannten „health maintenance organisations“ in den USA sowie mit deren pauschalierten Entgelten und Qualitätsmanagement in den Konzern einbrachte, die diesen bis heute geprägt haben. Eine interessante Offenbacher bzw. ebenfalls erfolgreiche Asklepios-Führungspersönlichkeit ist der Konzerngeschäftsführer Dr. h. c. Peter Coy, der Neffe des Ex-Klinikum-Verwaltungsdirektors Reinhold Latzke, der das Haus schon seit seiner Azubi-Zeit nebst allen politischen Rahmen- und Randbedingungen kennt. Gebündelt mit der gesamten Asklepios-Erfahrung sind die Aufgaben in Offenbach für den großen Konzern lösbar.

Und der Konzern Sana?

Schon die Konzern-Gründer haben als eine der allerersten in Deutschland erkannt und die Krankenkassen auch davon überzeugen können, dass in Krankenhäusern viele Potentiale schlummern; angefangen von der Idee, gemeinsam günstiger einzukaufen und Logistikdienstleistungen zu zentralisieren bis hin zur Fokussierung auf medizinisch-pflegerische Schwerpunktthemen. Sana hat ursprünglich einmal als Dienstleister primär Managementaufgaben übernommen und ist erst nach und nach behutsam auch als Käufer aufgetreten. Das Unternehmen hat ein hervorragendes Traineeprogramm für sein Management, eine sehr klare interne Aufgabenteilung und -strukturierung, und ist in der Lage, auch in einem eher komplizierten kommunalen Umfeld erfolgreich zu arbeiten. Der „Kopf“ von Sana bzw. der Vorstandsvorsitzende, Dr. Michael Philippi, ist bei seiner aktiven Mitwirkung anlässlich des „Rhein-Main Zukunftskongresses Krankenhaus & Partner“ in Offenbachs Büsing-Palais als inhaltlich sehr klar strukturierter, fundierter und verlässlicher Referent aufgefallen.

Wird der Käufer darauf spekulieren, weitere Kliniken in Rhein-Main zu kaufen?

Ob kommunal, frei-gemeinnützig oder privat, die Trägerschaft spielt eine zunehmend untergeordnete Rolle - sowohl auf der Seite der Käufer als auch auf jener der Kaufobjekte. Vielmehr ist die Zukunftsfähigkeit einer Region, deren Einzugsgebiet mit den niedergelassenen Ärzten - Stichwort „Patientenströme“ - und der Wettbewerb mit anderen Gesundheitseinrichtungen maßgebend. Begrenzt wird die Marktdynamik bzw. das Käuferverhalten im Rhein-Main-Gebiet eher durch ein relativ geringes Angebot an Kaufobjekten und die Grenzen, die das Kartellrecht setzt. Wo es medizinisch-pflegerisch und wirtschaftlich Sinn macht und gesetzlich zulässig ist, werden alle großen Klinikgruppen daher weiter versuchen, vor allem in Ballungsräumen über Zukäufe zu wachsen.

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