Was, wenn das Internet mal wieder mehr weiß?

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Katastrophenschutzübung in Offenbach zeigt die Macht der „parallelen Kommunikation“.

Offenbach - Der Notruf geht fast pünktlich in der Feuerwehrleitstelle ein: „Personenschaden mit Pkw an der Stadthalle. “ Der Feuerwehrmann am Telefon schickt den Gong durchs Gebäude - Einsatz. Ein paar Wimpernschläge, dann sind die Lösch- und Kranwagen unterwegs. Von Katharina Hempel

Und die Medien sind auch schon vor Ort - in der Feuerwache und vor der Stadthalle. Im Ernstfall ginge das nicht ganz so flott, aber bei der Katastrophenschutzübung am Samstag ist Tricksen erlaubt. Stadtsprecher Matthias Müller nutzt die Gelegenheit für einen zusätzlichen Test: Wie gehen sein Presseamt und die Journalisten mit nicht-offiziellen Informationen um, die bei einer echten Katastrophe binnen weniger Minuten auf Internet-Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube erscheinen würden? „Die klassischen Wege der Kommunikation gelten nicht mehr“, stellt Müller fest. „Mit diesem Versuch betreten wir ziemliches Neuland.“

Bilder der Katastrophenschutzübung

Katastrophenschutzübung vor der Stadthalle

In der Realität sind das längst ausgetretene Pfade. Stichwort: Loveparade. Bei der Techno-Veranstaltung, die 2010 in einer Massenpanik mit Toten und Verletzten endete, bekamen die Offiziellen die Macht der „parallelen Kommunikation“ zu spüren. Journalisten hielten ihnen Laptops und Handys mit Botschaften, Bildern und Videos vom Ort des Geschehens vor, forderten Aufklärung über Fakten und Gerüchte, von denen noch kein Pressesprecher etwas wusste. „Mit dieser Aggressivität und Informationsflut waren meine Kollegen total überfordert. Die wussten gar nicht mehr, wie sie reagieren sollten“, sagt Müller. „Deshalb haben wir städteübergreifende Arbeitsgruppen gegründet und versuchen, aus dem Fall Verhaltensmaßnahmen zu entwickeln.“

Verletzte überall

Schon trifft in der Feuerwehrzentrale die erste, eigens für die Übung fingierte „Nachricht“ einer Internet-Plattform auf dem Computer von Müllers Online-Redakteurin Katharina Skalli ein. Es ist gerade einmal 9.46 Uhr. „Hilfe! Vor der Stadthalle überall Verletzte. Fässer vom Lkw gefallen“, hat ein Opfer gesendet. Kurz darauf verändert auch der Internetauftritt der Stadt sein Aussehen, wird zur „Darksite“. Das ist eine Seite ohne Fotos oder Animationen, die viel schneller laden und aktualisiert werden kann. Beispielsweise Verwandte von Betroffenen können sich hier informieren, die Zahl der Verletzten und die Telefonnummern der Krankenhäuser erfahren.

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Die Katastrophenschutzübung vor der Offenbacher Stadthalle

10:07 Uhr: „Ich liege eingeklemmt auf dem Boden. Der neben mir bewegt sich nicht mehr.“ Dazu kann der stellvertretende Feuerwehrchef Michael Eiblmaier gar nichts sagen. Denn „um die Leitstelle zu entlasten, werden keine Rücksprachen gehalten. Die Einsatzleitung vor Ort weiß mehr.“ Einzig Forderungen kommen hier an - nach mehr Krankenwagen, Messgeräten, der Dekontaminierungseinheit.

„Seite gesperrt für die Stadtverwaltung Offenbach“

Was also weiß der OP-Kollege vor Ort? Alexander Kroh gibt durch, dass er 48 Verletzte gezählt hat. Die Fässer sieht er auch, aber ob was gefährliches drin ist, will ihm keiner sagen. Eiblmaier: „Klar, die müssen erstmal messen. Aber interessant, wie meine Männer mit Journalisten umgehen.“

Noch mehr Bilder und Videos häufen sich im Posteingang. Wären sie tatsächlich auf Twitter oder Facebook geschickt worden, hätte Eiblmaier sie gar nicht sehen können. Auf seinem Bildschirm liest er: „Seite gesperrt für die Stadtverwaltung Offenbach“. Aber immerhin: Er hätte noch sein Handy mit freiem www-Zugang.

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