Tierische Neubürger auf dem Vormarsch

Waschbären in Offenbach: Erfolgreiche Zuwanderer

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Tierische Neubürger mit Migrationshintergrund wie dieser neugierige Waschbär besetzen immer mehr Reviere in Hessen. Offenbach ist eins davon. Die Anzahl der Tiere ist jedoch unbekannt.

Offenbach - Waschbären sind in Hessens freier Wildbahn längst keine Seltenheit mehr. Auch in Offenbach fühlen sich die possierlichen Nordamerikaner wohl. Seit 2006 werden sie gesichtet. Sie sind nicht die einzigen erfolgreichen tierischen Zuwanderer im Stadtgebiet. Von Veronika Schade 

Das hat Auswirkungen auf die heimische Tier- und Pflanzenwelt. Es ist nach Mitternacht, als am Haus von Leser Roland Weiss durch den Bewegungsmelder das Licht angeht. Er schaut durchs Küchenfenster, erwartet eine der Nachbarskatzen. Doch es ist ein Waschbär, der in nur etwa einem Meter Entfernung vorbeispaziert. „Ich hatte genug Zeit, ihn zu beobachten. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen“, teilt der Tempelseer der Redaktion mit. Dass es in Offenbach diese Tiere in freier Wildbahn gibt, erstaunt ihn. Für das Offenbacher Umweltamt ist der Waschbär kein Unbekannter. „Erste Beobachtungen wurden uns im Jahr 2006 gemeldet“, sagt Amtsleiterin Heike Hollerbach.

Ursprünglich stammen die Kleinbären aus Nordamerika. Nach Hessen sind sie als Pelztiere gelangt. Einigen gelang die Flucht. In den 1930er-Jahren ist am Edersee ein Paar freigelassen worden. Alle in Deutschland beheimateten Waschbären stammen von diesen wenigen Tieren ab. Die Lebensbedingungen in Hessen erwiesen sich als optimal für die schlauen Allesfresser. So breiten sie sich immer weiter aus. Ihre Zahl ist laut Naturschutzbund Hessen (Nabu) schwer zu schätzen. Die jährliche Jagdstatistik aber erlaubt Rückschlüsse auf die Population. So wurden im vergangenen Jahr fast 21 700 erlegte, gefangene oder im Straßenverkehr umgekommene Waschbären gezählt. Fürs Jahr 1961/62 geben die hessischen Jäger gerade einmal um die 90 Exemplare an. Die in Deutschland lebenden Tiere werden mittlerweile auf eine halbe Million geschätzt.

Mehrmals im Jahr melden sich Bürger wegen Waschbären beim Offenbacher Revierförster Viktor Soltysiak. „Meistens, weil sie Probleme mit den Tieren haben. Zum Beispiel plündern sie den Komposthaufen oder die Biotonne.“ Er könne da nur raten, keine Essens- und Tierfutterreste in den Kompost zu werfen. „Oder zumindest eine dicke Schicht Grasschnitt drüber legen.“ Bei Abfalltonnen, welche die Tiere für sich entdeckt haben, helfe es nur, sie mit einer Kette zu verschließen: „Die Waschbären sind sehr geschickt mit ihren langen Fingern. Und sie lernen sehr schnell.“ Die Tiere, so possierlich sie aussehen, könnten sich rabiat und bissig verhalten, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlen. Sie klettern problemlos glatte Wände hoch, können in den Dachstuhl eindringen und sich dort heimisch einrichten. Mit solchen Fällen hatte Soltysiak jedoch bislang nicht zu tun.

Diese Tierarten sind nach Deutschland eingewandert

Die weitaus größere Bedrohung stellen die pelzigen Zuwanderer für die heimische Tierwelt dar. „Sie leben gern in Baumhöhlen, die dadurch beispielsweise für Fledermäuse unbewohnbar werden“, erklärt der Förster. Die nachtaktiven Jäger und fleißigen Sammler ernähren sich von Insekten und kleinen Säugetieren – aber auch von Eiern. Dafür nehmen sie Nester aus, machen vor bedrohten Vogelarten nicht Halt. Die Tiere gelten in Hessen mittlerweile als jagdbares Wild, im Internet finden sich gar jede Menge Rezepte mit Waschbärfleisch. Wobei unter Experten Einigkeit herrscht: Selbst mit intensiver Bejagung ist der Ausbreitung der Tiere nicht beizukommen. Sie sind mittlerweile Bestandteil des hiesigen Ökosystems. „Damit muss man sich arrangieren“, betont Soltysiak.

Die maskierten Kleinbären sind aber längst nicht die einzigen tierischen Zuwanderer, fachsprachlich Neozoen, die sich im Offenbacher Stadtgebiet heimisch fühlen. Am Mainufer und am Bürgeler Schultheisweiher werden seit 2012 Nutrias beobachtet. Ähnlich wie der Waschbär wurden die auch als Biberratten bezeichneten Tiere vor etwa 100 Jahren als Pelztier von Südamerika nach Europa eingeführt. Als Pflanzenfresser haben sie keine negativen Auswirkungen auf die heimische Fauna. Aber: „Von Nutrias in mehreren Bundesländern verursachte, erhebliche Schäden in Röhrichtbeständen erfordern die kritische Beobachtung der Bestandsentwicklung in Offenbach“, heißt es aus dem Umweltamt.

Auch die am hiesigen Mainufer häufig anzutreffenden Nil- und Kanadagänse sind, wie ihr Name verrät, Zuwanderer. Erstere gehen auf Gefangenschaftsflüchtlinge zurück, zweitere wurden einst als Ziervögel in Parks ausgewildert und verbreiteten sich in ganz Europa. Viele einheimische Tierarten sind dagegen selten geworden: Etwa der Uhu, der hohe Ansprüche an seinen Lebensraum stellt. Eine Nachbarin des Baugebiets Bieber-Nord schreibt der Redaktion, sie beobachte dort seit längerem einen Uhu. Förster Soltysiak hält das für unwahrscheinlich, auch wenn es ihn freuen würde: „Ich hatte mal Leute, die meldeten mir den Fund eines Bussards. Dann relativierten sie es und sagten, es sei ein Falke. Am Ende war es ein winziger Mauersegler.“

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