Wasser gegen Wasser

Der neue Agenda-Vorschlag als Grafik: Bei Hochwasser sollen zwei etwa 2,50 Meter messende Schläuche auf einer rund ein Meter hohen Terrasse platziert und mit Mainwasser vollgepumpt werden. Diese alles in allem rund 3,40 Meter hohe Barriere, heißt es, würde dem Druck des Mains standhalten und den extrem wertvollen Retensionsraum nicht über Gebühr einschränken. Mit „Freiboard“ ist die Höhe gemeint, die gebraucht wird, um auch hochschwappende Wellen abzufangen.

Offenbach ‐ Für den vom Regierungspräsidium Darmstadt angemeldeten „Herrn Schwarz“ wird es spät werden am Donnerstagabend. Beim Auftakt der Offenbacher Bürgerbeteiligung zur Maindammsanierung fällt dem Gesandten der Aufsichtsbehörde für Hochwasserschutz eine Doppelrolle zu. Von Marcus Reinsch

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Maindamm soll höher werden

Erst wird er Verkünder des Willens höherer Planungsmächte sein, sprich: den versammelten Offenbachern Beteiligungsbürgern nochmal grundsätzlich erklären, warum ihr maroder Maindamm schleunigst für noch viel schlimmere Hochwasser als das aktuelle gerüstet werden muss. Und später wird er alles, was den Offenbachern dazu einfällt, an den Ansprüchen des Regierungspräsidiums messen.

Eingefallen, wie die Stadt trocken bleiben kann, ist diversen Akteuren schon vieles. Aus anfangs drei Sanierungsvarianten wurden vier, dann sieben. Verschiedene städtische Ämter entwarfen verschiedene Pläne. Und gestern schickte die ebenfalls bereits mit eigenen Vorstellungen vertretene „Lokale Agenda 21“ offiziell eine weitere Idee ins Rennen. Drüber geschrieben haben die Denker eine Frage: „Steht Offenbach auf den Schlauch?“

Die Agenda-Vorderen Barbara und Dieter Levi-Wach, Wolfgang Benke, Angelika Spichal und Thomas Kloos hoffen, dass es so ist. Denn ein aus einem kilometerlangen Schlauch bestehendes mobiles Deichsystem würde nach ihren Erkenntnissen mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Es wäre selbst inklusive einer möglicherweise gar nicht nötigen zusätzlichen kleinen Spundwand mit überschlägig zwischen 2,4 und 5,4 Millionen Euro billiger als jede andere bisher vorgeschlagene Lösung (zwischen 7,8 Millionen und 12,6 Millionen Euro).

Mobile Technik einfach und deshalb brauchbar

Und es würde den von den Offenbachern so geliebten Bäumen auf dem bisherigen Damm den baldigen Tod ersparen, weil der dann nicht mehr vom Wasserdruck des Mains und dem Zeitdruck des Regierungspräsidiums bedroht wäre. Von jetzt auf gleich zur Festung ausgebaut werden müsste er zumindest nicht mehr. Stattdessen schwebt der Agenda-Gruppe schon eine teils von Spendern und Stiftern finanzierte Verschönerung des Damms vor.

Das allerdings sei mit einer statischen Hochwasserertüchtigung kaum zu vereinen. Die mobile Technik sei also einfach und vielleicht ebendeshalb brauchbar: Kündigt sich mainaufwärts nach starken Regenfällen oder Schneeschmelzen ein mächtiges Hochwasser an, werden unmittelbar vor dem jetzigen Damm zwei lange, parallel verlaufende Schläuche aus dicken Hochleistungsmembranen verlegt. Jeder hat einen Durchmesser von 2,60 Meter. Das würde - in der Summe mit einer dauerhaften, ein Meter hohen Aufschüttung (Terrassierung genannt) am Fuß des Deiches - locker die Forderung des RP an die künftige Schutzhöhe erfüllen.

Clou: Werden die Schläuche nicht gebraucht, was fast immer der Fall sein dürfte, verbrauchen sie - flach zusammengelegt und mit den nötigen Hochleistungspumpen auf Paletten gelagert - kaum Platz. Sind sie nötig, bekommen sie ihre Stabilität, indem sie mit Mainwasser vollgepumpt werden.

Auf- und Abbau gehen schnell

Gerade das dürfte beim nun anstehenden Vergleich aller Varianten ein starkes Argument für das Schlauch-System sein. Denn während die statischen Lösungen den für die Bezuschussung durchs Land ausschlaggebenden Retensionsraum des Mains teils massiv einschränken, sind die ohnehin nah am Alt-Damm zu platzierenden Schläuche wohl sogar als eine Art Überschwemmungsflächen zu interpretieren. Zusätzlich sind sie mit einem Gittergewebe geschützt und von einer Abdeckfolie umspannt, so dass ihnen Treibgut nichts und ein Schiff auf Abwegen wegen der Biegsamkeit der Konstruktion nur wenig anhaben könnte.

Noch ein Vorteil des kurz nach der verheerenden Überflutung im Oderbruch entwickelten und von der Hamburger Mobildeich GmbH produzierten Mobildeichs: Auf- und Abbau verschlingen relativ wenig Zeit. Die Rede ist davon, dass zwei bis drei Mann des zuständigen ESO 100 Meter Deich in einer Stunde aufbauen könnten. Die 1,6 heiklen Kilometer Mainufer zwischen Carl-Ulrich-Brücke und Allessa-Gelände könnten innerhalb eines Tages oder schneller bewältigt werden, glauben die Agenda- Rechercheure. Und auch für die kürzeren noch fälligen Strecken in Rumpenheim und nahe der Grenze zu Mühlheim tauge das System. Zumal dort sowieso auch mobile Deichelemente im Gespräch seien.

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