Wasserhäuschen:

Ein Café für stehende Herren

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Im Wasserhäuschen am Offenbacher Ostbahnhof trifft sich täglich eine gesellige Runde. Man kennt sich seit Jahren.

Offenbach - „Offenbach, Offenbach, Offenbach ist schön, denn da kann man morgens schon am Wasserhäuschen stehen.“ Kickers-Fans dürften diese Zeilen bekannt vorkommen. Jeder kennt die Wasserhäuschen, die überall im Stadtgebiet zu finden sind. Von Jenny Bieniek

Fast jeder hat im Vorübergehen schon mal schnell noch etwas gekauft. Das Sortiment reicht von Zeitungen und Zeitschriften über Getränke und Süßigkeiten bis zu Zigaretten und Eis.

Zwischen 50 und 100 solcher Wasserhäuschen gibt es in Offenbach. In Hessen sind sie schon fast so etwas wie eine Institution. Der Begriff Wasserhäuschen stammt aus dem Raum Frankfurt, wo die kleinen Buden seit rund 150 Jahren zum Stadtbild gehören. Damals gehörte Wasser tatsächlich noch zum (Haupt)-Sortiment.

Elli Chantzaras betreibt mit ihrem Mann Ilias seit 20 Jahren Wasserhäuschen: früher an der Bettinastraße, dann in Frankfurt, inzwischen seit 16 Jahren am Offenbacher Ostbahnhof. „Die Arbeit macht schon noch Spaß, aber so schön wie früher ist es nicht mehr“, bedauert die freundliche kleine Frau, die wie ihr Mann aus Griechenland kommt. Die Kunden kauften nicht mehr so viel wie früher, seit der Euro-Umstellung sei ihr Umsatz mehr und mehr zurückgegangen. „Die Leute haben eher weniger Geld, viele sind arbeitslos und müssen sparen“, weiß sie.

Enorme Konkurrenz durch Supermärkte

Die enorme Konkurrenz durch Supermärkte, die immer längere Öffnungszeiten haben, und 24-Stunden-Tankstellen tue ihr Übriges. „Inzwischen bieten sogar Discounter Zeitungen und Zeitschriften an“, bedauert die Offenbacherin. Für sie bedeutet das weitere Umsatzeinbußen. Ihr Wasserhäuschen ist von halb sechs morgens bis halb zehn abends geöffnet. Abends fällt sie müde ins Bett, Zeit für Hobbys hat sie schon lange nicht mehr. „Die Arbeit ist mein Leben“, sagt sie, „und Aushilfen lohnen sich nicht“. Immerhin profitiere sie wegen des Bahnhofs von der vielen Laufkundschaft. Das Gros ihrer Einnahmen machen trotzdem die Stammkunden aus.

Ein halber Liter Bier kostet am Ostbahnhof zwischen 1,20 und 1,50 Euro. „Allemal billiger als in der Kneipe“, berichtet ein Stammkunde, der es sich im Separée mit anderen Gästen gemütlich gemacht hat. Früher habe das Geld für die Stammkneipe gereicht, seit einigen Jahren jedoch trinke er sein tägliches Feierabendbier bei Chantzaras’.

In geselliger Runde

„Man kennt sich hier, und zwar nicht erst seit gestern. Man kümmert sich. Und man erfährt hier mehr als aus der Zeitung“, findet der Friedhofsarbeiter. Früher habe man in geselliger Runde auch immer mal um kleinere Beträge gewürfelt. Heute zieren die Stehtische nur einige Bierflaschen.

Gründe, warum er seinen Feierabend in einer Trinkhalle verbringt, kann er viele nennen. „Ich komme wegen der Geselligkeit her, ist doch besser als daheim. Hier sitzen alle in einem Boot und die meisten Kneipen machen sowieso erst um fünf auf, da hab ich schon lange Feierabend.“

Sein schlacksiger Nachbar pflichtet ihm bei: „Wir kommen bei jedem Wetter.“ Er wohnt in Bieber, „aber einen Treffpunkt wie diesen gibt es dort nicht mehr. Deshalb komme ich hier her.“ Das mit Heizung und einer kleinen Stereoanlage ausgestattete Separée sei gemütlich, viele Bekannte machten dort täglich Station. „Auf ein, zwei Bier. Bei einem bleibt es ja meist nicht“, gibt der Arbeitssuchende zu.

Einige kämen bereits morgens, er selbst, so betont er, gehöre aber nicht dazu. Im Grunde sei alles besser, als allein daheim zu sitzen. „Cafés sind für sitzende Damen, Trinkhallen für stehende Herren“, formuliert es der Friedhofsarbeiter. „Und bei Heimspielen ist hier immer volles Haus.“

Volles Haus herrscht bei Fußballspielen

Volles Haus herrscht bei Fußballspielen auch im Wasserhäuschen in Bürgel. Der dazugehörige Holzverschlag ist verschlossen und von außen nicht einsehbar. Drinnen ist es mollig warm und eng, dicker Zigarettenqualm liegt in der Luft. Hitzige Diskussionen über Gott und die Welt sind hier keine Seltenheit.

Der Besitzer heißt Önder, vor einiger Zeit hat er den Kiosk erweitert. „früher war ich Fliesenleger, das war Körperlich sehr anstrengend“, erzählt der Vater zweier Kinder. An seiner jetzigen Tätigkeit schätze er vor allem den Kontakt zu den Kunden.

Weil es in Bürgel nur wenig Laufkundschaft gebe, müsse er seine Stammkundschaft besonders pflegen. Die sitzt nebenan im Holzverschlag und gönnt sich ihr Feierabendbier. Obwohl die Gruppe wie ein verschworener Haufen wirkt, die Fremde zunächst argwöhnisch beäugt, gibt man sich weltoffen: „Es darf jeder herkommen, nur Krawallmacher brauchen wir hier nicht“, sagt ein Dachdecker. „Wer sich nicht benimmt, kriegt eben nur ein Bier und das war’s“, ergänzt ein Mitarbeiter eines Möbelladens.

Freundschaft, Budenfunk und die im Vergleich zur Kneipe günstigeren Preise locken auch in Bürgel. „Und wenn ich abends Hunger krieg’, geh ich eben heim.“

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