Wasserpraxis trockengelegt

Offenbach - Die Nachwehen der Offenbacher Klinik-Pleite drückten sich bislang vor allem in Zahlen, in großen, unerfreulichen und anonymen Zahlen aus. Von Matthias Dahmer

Seit gestern kommen ein Name und ein Gesicht hinzu: Bettina van Nüss, Betreiberin des Bewegungsbads am Klinikum, steht vor dem beruflichen Aus. Wegen bau- und hygienerechtlicher Mängel hat die Stadt ihre bislang gut laufende Wasserpraxis dicht gemacht. Zusammen mit der Betreiberin stehen 14 Mitarbeiter und die Kunden – zuletzt waren es zirka 500 in der Woche – vor verschlossenen Türen. Ob der behördlich verfügte Stopp ein endgültiger ist, hängt von der Unterstützung des neuen Krankenhaus-Eigners Sana ab. Nächste Woche, sagt van Nüss, werde sich entscheiden, ob Sana ihr unter die Arme greife und die Kosten für die erforderliche Ein- und Umbauten – die Rede ist von etwa 200.000 Euro – übernehme.

Van Nüss muss ausbaden, was noch zu Zeiten eines Klinikums unter städtischer Regie verbockt wurde. Die Klinikum Offenbach GmbH war Bauherrin des angeblich 1,5 Millionen Euro teuren Anbaus der Kinderklinik, in dem die Wasserpraxis untergebracht ist. Das fünf mal zehn Meter große Bewegungsbad, so heißt es, wurde auf Betreiben der Mediclin Therapie GmbH errichtet, die von Oktober 2011 bis zum 30. August dieses Jahres im historischen Teil des ehemaligen Stadtkrankenhauses in enger Zusammenarbeit mit dem Klinikum ein Reha-Zentrum betrieb. Das Bad, sagt Bettina van Nüss, habe Mediclin nie in Betrieb gehabt.

Als sie nach fast zehn Jahren am Kettelerkrankenhaus im Januar dieses Jahres mit ihrer Praxis als Mieterin bei Mediclin einzog, übernahm sie eine Einrichtung, in der beim Bau gewaltig gepfuscht worden war. Lüftung, Filter, Brandschutz und Anlagentechnik entsprechen nicht den Vorschriften. Erforderliche Unterlagen für eine Genehmigung wurden nicht eingereicht. Die Baugenehmigung, sagt Helmut Reinhardt, Leiter der städtischen Bauaufsicht, sei der Klinikum Offenbach GmbH nur befristet und unter erheblichen Auflagen erteilt worden.

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Während Bettina van Nüss darauf vertraute, dass das Klinikum die Mängel abstellt, bemühte sich Bürgermeiser und Klinikdezernent Peter Schneider um den Weiterbetrieb der Wasserpraxis. Ergebnis: Die Bauaufsicht setzte eine Frist bis zum 30. September. Im Zuge des Klinikverkaufs an Sana und des Auszugs von Mediclin gerieten die erforderlichen Nachbesserungsarbeiten am Bewegungsbad indes wohl in den Hintergrund und damit ins Stocken. Bettina van Nüss ging davon aus, dass die Bauaufsicht die Frist noch einmal verlängert. Und wurde eiskalt erwischt, als die Stadt bei einem Gesprächstermin am vergangenen Montag die Schließung anordnete.

Zu den technischen Mängeln, erläutert Reinhardt, seien „nicht vertretbare gesundheitliche Aspekte“ hinzugekommen. Das Gesundheitsamt ergänzt, in Wasserproben, die an den Filtern des Bewegungsbads routinemäßig entnommen worden seien, habe man geringfügig hohe Konzentrationen an Legionellen gefunden. Die Legionellen-Belastung, hält Bettina van Nüss dagegen, habe die gesundheitlich bedenkliche Grenze nur einmal überschritten. Und das sei mittlerweile abgestellt. Bei Sana ist gestern keine Rede davon, die Betreiberin der Wasserpraxis zu unterstützen. Sprecherin Susanne Heintzmann verweist auf die Bauaufsicht, wonach aufgrund der Faktenlage eine weitere Duldung des Betriebs als nicht möglich bezeichnet werde. „Aus den genannten Gründen halten auch wir eine Schließung für unumgänglich“, so Heintzmann.

Bettina van Nüss weist darauf hin, dass ihr mehrere Chefärzte des Klinikums in Aussicht gestellt haben, ihr Patienten ins Bewegungsbad zu schicken. Und: „Erst vor wenigen Tagen habe ich einen Vertrag mit der Rheuma-Liga über 70 bis 80 Patienten geschlossen.“ 50.000 Euro, ihre gesamten Ersparnisse, hat die Betreiberin in die Wasserpraxis gesteckt. Wie es für die alleinerziehende Mutter eines neunjährigen Sohnes weitergeht, ist ungewiss. Möglicherweise kommt doch noch Hilfe von Sana. Das hofft auch Bürgermeister Peter Schneider, der das so ausdrückt: „Ich würde mich sehr freuen, wenn es eine Möglichkeit gibt, die Wasserpraxis am Klinikum weiterzubetreiben.“ Zumal sich Sana bislang kooperativ in der Sache gezeigt habe. Für Bettina van Nüss sei es tragisch, dass sie unter einem Zustand leide, den sie nicht zu verantworten habe.

Rubriklistenbild: © dpa

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