Speicher und Puffer zugleich

Sanierungen im Herzstück der Wasserversorgung

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Aus etwa 25.000 Teilen besteht das derzeit wohl spektakulärste Offenbacher Gerüst. Es ist in einem der beiden Wassertürme aufgebaut. „Ohne den Wasserhochbehälter als Zwischenspeicher und Puffer wäre die Wasserversorgung der Stadt empfindlich getroffen“, sagt EVO-Technikvorstand Dr. Kurt Hunsänger.

Offenbach - Die Zwillings-Hochbehälter sorgen seit 46 Jahren für konstanten Wasserdruck. Es ist eine deutschlandweit nahezu einmalige Konstruktion. Vor den Stadtvätern, die sich das einfielen ließen, zieht EVO-Technikvorstand Dr. Kurt Hunsänger heute noch den Hut. Von Martin Kuhn 

„Einfach, schlicht; ein System, das bestechend gut funktioniert.“ Es bildet, wie er einem Pulk von Journalisten erläutert, die praktische Grundlage, damit im gut 270 Kilometer langen Offenbacher Leitungsnetz der Wasserdruck mindestens 2,3 bar beträgt. Für den Laien unbemerkt, nagt der Zahn der Zeit an den Becken. Korrosion, Kiesnester und Poren haben sich im Beton gebildet. Auch die Fugen zwischen Turmfundament und Wänden sind angegriffen. „Jetzt ist der Punkt erreicht, das Bauwerk umfassend zu erneuern“, erläutert Vorstandsvorsitzende Heike Heim. Die EVO investiert gut 3,6 Millionen Euro, um weiter Trinkwasser von einwandfreier Qualität liefern zu können. Und sie beruhigt sofort: „Der Wasserpreis steigt dadurch nicht.“ Aktuell sind’s pro Liter etwa 0,2 Cent.

Die Schäden in den Türmen sind seit längerem bekannt: „Kommt nicht überraschend“, betont Hunsänger. Alle zwei Jahre werden die Becken geleert, grundlegend gereinigt, untersucht, kleinere Schäden repariert. „Eine solche Detailsanierung reicht aber nicht mehr.“

Mit Plastik-Overall und Schutzhelm

Die beiden markanten Offenbacher Wasserhochbehälter...

Dann drängt der Ingenieur Presse, Funk und Fernsehen etwas zur Eile. Hunsänger will in den Wasserturm, hautnah erläutern, was da im Inneren geschieht. Also in Plastik-Overall gezwängt, Schutzhelm aufgesetzt, und rein geht’s – oder besser aufwärts: Mit einem offenen Lastenaufzug außen in die Höhe, oben dann in den Turm. Die kühle Luft ist mit Staub angereichert, gleißendes Scheinwerferlicht erhellt die Szene.

Ein freistehendes, 38 Meter hohes Gerüst zieht sich entlang der Wände in die Höhe. Es besteht aus gut 25.000 Teilen, die überwiegend durch eine etwa 60 Zentimeter messende Öffnung gereicht wurden. Sechs Gerüsttreppen tiefer hantieren Arbeiter. Frank Nobis vom Ingenieurbüro bks erklärt, was vor der eigentlichen Sanierung notwendig war: „Sandstrahlen bis auf ein festes Korngerüst.“ Für Laien: Die Firmen haben bis bis zu 1,5 Zentimeter Beton entfernt.

...werden nacheinander innen aufwändig saniert, um weiterhin...

Danach tragen die Arbeiter eine mineralische Beschichtung auf. Diese wird in weiteren Schritten befeuchtet, mit Betonpulver überzogen, das die Feuchtigkeit weiter entzieht, und das Ganze glattgezogen. Hunsänger fährt mit der Hand über die Wand: „Wunderbar glatt.“ Am Boden angekommen, erläutert er die finalen Arbeiten: „Eine 50 Zentimeter dicke Bodenplatte, an den Wänden ein 2,50 Meter hoher Ring aus acht Segmenten – alles Stahlbeton mit Dichtungsbändern.“ Hört sich simpel an, bedarf aber wohl ein paar Wochen Arbeitszeit.

Ein enges Zeitfenster

... mit simplem System die lokale Wasserversorgung zu sichern. (Bild vergrößern

Allerdings haben die Firmen ein enges Zeitfenster. Im April ist der Turm vollständig zu räumen, da er in den Sommermonaten, wieder gefüllt, für die Versorgungs-Stabilität gebraucht wird. Zuvor ist eine Prozedur gewissenhaft einzuhalten: Behandlung mit Reinigungsmittel, Behälterspülung, Behandlung mit Desinfektionsmittel, Behälterspülung, Ansatzfüllung auf sechs Meter, Wasserprobenentnahme. Gibt es keine Beanstandungen, wird der Behälter etwa 33 Meter hoch gefüllt; falls doch welche da sind, beginnt alles von vorn. Die üblichen und routinemäßigen Wasserproben, 65 im Jahr, werden während der Arbeiten verdoppelt. Nächsten Herbst ist der zweite Wasserturm an der Reihe. Die Arbeiten sollen 2015 beendet sein.

Laut Hunsänger beträgt in verbrauchsstarken Zeiten die maximale Wasserentnahme in Offenbach mehr als 600 Kubikmeter pro Stunde. Vom Zweckverband Wasserversorgung (ZWO) können kontinuierlich aber nur maximal 400 Kubikmeter pro Stunde geliefert werden. „Der Wasserturm sorgt somit für einen Ausgleich“, führt Hunsänger aus. Allein mit normaler Füllhöhe kann die Stadt für zirka 16 Stunden mit Frischwasser versorgt werden.

Der sanfte Wasserdruck vom Berg ist ein Grund, warum im lokalen Netz wenige Rohrbrüche zu beklagen sind. Generell liegt die Verlustquote bei weniger als drei Prozent. Dafür sorgt auch die permanente Erneuerung und Modernisierung durch die EVO. Immer wenn eine Straße aufgerissen wird, kontrollieren Fachleute das Rohrleitungsnetz. Wo nötig, werden alte oder störungsanfällige Leitungen ausgetauscht. Dazu nimmt die EVO jährlich gut zwei Millionen Euro in die Hand.

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