Wege aus der Volkssucht

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Mechthild Rau (Wildhof), Klinik-Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmitt und Professor Dr. Ansgar Klimke eröffneten die kleine Ausstellung im Foyer des Gesundheitsbetriebs.

Offenbach - Trockene Statistik zu einer nicht grundsätzlich harmlosen Flüssigkeit: Jeder Mensch in Deutschland trinkt pro Jahr 9,9 Liter reinen Alkohol. Rechnet man diese eher abstrakte Zahl in Bier um, ergeben sich 198 Liter oder 396 Flaschen. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Da aber natürlich nicht jeder Bundesbürger vom Baby bis zum Greis jeden Monat eineinhalb Kasten Bier kippt, konzentriert sich diese Menge nur auf einen bestimmten Teil der Bevölkerung. Und dessen Trinkgewohnheiten spiegeln sich in alarmierenden Zahlen: 9,5 Millionen Menschen, heißt es, konsumieren Alkohol auf riskante Weise, 1,3 Millionen von ihnen sollen abhängig sein. Jeder fünfte Mann und fast jede sechste Frau trinken zu viel.

Weltweit belegen die Deutschen in Sachen Alkoholkonsum den 5. Platz. Grund genug, die 2009 erfolgreich gestartete bundesweite „Aktionswoche Alkohol“ zu wiederholen, die von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) - Zusammenschluss bundesweit tätiger Verbände in der Suchtkrankenhilfe und Prävention - organisiert wird. Offenbachs Klinikum-Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt hat dazu im Foyer des Neubaus gerade die Ausstellung „Alkohol? Weniger ist besser!“ eröffnet. „Wir wollen das Thema bewusst machen und haben es deshalb als Blickpunkt direkt hier neben dem Eingang platziert.“ erklärt Schmidt, „Alkoholkonsum wird noch immer tabuisiert, aber die hohe Zahl der Suchtkranken spricht ihre eigene Sprache.“

Tatsächlich ist die Flüssigkeit, die dem Fiskus jährlich rund 3 Milliarden Euro Steuereinnahmen in die Kasse spült, so allgegenwärtig, dass sie in nahezu jedem Lebensbereich eine Rolle spielt. Irgendeinen „besonderen“ Anlass gibt es immer - und gibt es mal keinen, dann ist „kein besonderer Anlass“ übrigens auch ein beliebter Anlass.

Prof. Dr. Ansgar Klimke, Chefarzt des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie, hat täglich mit den Folgen des verharmlosten Rauschmittels zu tun. 20 Prozent seiner Betten sind mit Alkoholkranken belegt. „Jeder weiß, das man durch Trinken abhängig werden kann. Was weniger bekannt ist, sind die Folgeerkrankungen, die das Zellgift bewirken kann“, warnt Klimke. Neben der Leberzirrhose seien hier Krebserkrankungen der Speiseröhre und des Magens, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Herz- und Kreislaufstörungen zu nennen.

Jährlich würden 2000 bis 4000 alkoholgeschädigte Säuglinge geboren, schon ein Glas Wein am Tag könne das Ungeborene schädigen. Was wiederum als risikoarmer Konsum gilt, ist auf einer der vier großen Informationstafeln anschaulich dargestellt: mindestens zwei Tage die Woche kein Alkohol, und Frauen außerdem nicht mehr als ein Glas. Denn schon das rituelle allabendliche Weinglas kann zur Gewöhnung führen.

Stadien der Alkoholsucht, Beratung und Behandlung, Abhängigkeitskriterien sowie interessante Daten und Fakten finden sich außerdem auf den Tafeln. Wer hätte gedacht, dass der volkswirtschaftliche Schaden durch alkoholbedingte Morbidität und Mortalität bei 24 Milliarden Euro pro Jahr liegt?

Eine gute Nachricht gibt es aber auch: Der Konsum insgesamt ist rückläufig, sowohl bei Erwachsenen als auch bei Jugendlichen. „Dafür ist allerdings das so genannte Komasaufen unter Teenagern Kultur geworden“, beklagt Mechthild Rau, Geschäftsführerin des Suchthilfezentrums Wildhof. Speziell für Kinder und Jugendliche wurde also das Alkoholpräventionsprojekt „HaLt“ („Hart am Limit“) entwickelt. Es wird morgen um 15 Uhr auf dem Aliceplatz von Sozialdezernentin Birgit Simon, Mechthild Rau, Professor Klimke und dem Kinderklinik-Chefarzt Prof. Dr. Nader Gordjani. Auf dem Platz präsentieren von 9 bis 17 Uhr die Akteure der Suchthilfe ein breites Spektrum von Hilfen und Informationsangeboten im Kreis Offenbach mit alkoholfreien Cocktails, Rauschbrillenparcours, Fachvorträgen und weiteren Aktionen.

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