Weißwein mit Geheimnissen

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Schweizer Punsch und Glühwein: Der Stand von Verena und Peter Stein (rechts) blickt auf eine 45-jährige Tradition zurück. Sie begann mit Christbaumschmuck.

Offenbach - Wohliger Duft strömt aus der dampfenden Tasse. Die Hände werden warm, das Gemüt auch – für viele Menschen ist ein Weihnachtsmarktbesuch ohne Glühwein unvorstellbar. Wer einmal seine Lieblingsbude gefunden hat, kommt immer wieder. Von Veronika Szeherova

„Die meisten unserer Kunden sind Stammkunden“, sagt Peter Stein (67), der mit Ehefrau Verena nach eigenem Bekunden den ältesten Stand auf dem Offenbacher Weihnachtsmarkt betreibt – seit 45 Jahren.

1968 übernahmen sie eine Holzbude mit Christbaumschmuck von Steins Eltern. Damals war der Weihnachtsmarkt auf dem Wilhelmplatz. „Er war ganz klein, ein Kinderkarussell, ein Imbiss, ein Mandelstand und einige Buden mit Christbaumschmuck“, erinnert er sich.

Drei Jahre später zog der Weihnachtsmarkt um. Mit ihm auch der Stand der Steins, der bis heute am Stadthof zu finden ist. Auf dem Platz gab es weder das Café noch den Polizeiladen oder gar einen befestigten Boden: „Es war nicht sehr gemütlich. Der Boden bestand aus Kies. Nach dem Umbau ging’s bergauf, da wurde der Markt größer und schöner.“

Verkauf von Christbaumschmuck

Bergab dagegen ging es mit dem Verkauf von Christbaumschmuck. Baumärkte und Innenstadtläden wurden mit ihrem Weihnachtssortiment zur Konkurrenz, weil sie schon lange vor dem Fest günstige Ware anboten. „Wer kauft denn noch auf dem Weihnachtsmarkt?“, gibt Verena Stein zu bedenken. Dies ist für die 63-Jährige der Grund, warum der Offenbacher Weihnachtsmarkt mittlerweile überwiegend aus Ständen mit Essen und Trinken besteht. „Das rentiert sich am meisten.“

Als 1987 ein Glühweinstand frei wurde, zeigten Steins Interesse und bekamen von der Stadt den Zuschlag. Anfangs verkauften sie neben dem klassischen roten Glühwein auch Westfälinger Würste und Nürnberger mit Sauerkraut. Doch die Auflagen verlangten bald eine Trennung von Getränke- und Essenverkauf, Steins entschieden sich für die Getränke. „Es gibt aber Kunden, die heute noch von unseren Würstchen schwärmen.“

Ein traditioneller Kundenschwarm

Ein traditioneller Kundenschwarm ist der Schweizer Punsch, der aus „Weißwein mit Geheimnissen“ besteht. Mehr verrät seine Schöpferin Verena Stein nicht. Die Schweizer Fahne, die auf dem Wagendach hängt, ist das Erkennungszeichen. Viele Gäste kennen den Stand einfach als „den Schweizer“. Einige lagern dort ihre eigenen Tassen, die sie sich alle Jahre wieder neu füllen lassen.

„Das Beste am Weihnachtsmarkt ist der Kontakt mit den Menschen. Es kommen viele Familien“, sagt Peter Stein. „Es ist schön, sich immer wieder zu treffen.“ Den Rest des Jahres ist der gebürtige Offenbacher mit seinem Autoscooter auf Rummelplätzen im ganzen Kreis unterwegs.

Seinen Kneipenwagen hat der gelernte Schweißer und Schlosser 1991 selbst gebaut. Mit seinen kopfüber hängenden Flaschen mit den verschiedensten Spirituosen erinnert er an eine Bar. Zum klassischen Glühwein, der „schon immer“ vom selben Winzer aus Neustadt kommt, sind viele Getränke hinzugekommen. Immer beliebter ist weißer Glühwein. Auch alkoholfreier Glühwein geht über die Theke. „Einer muss ja fahren, und die meisten Erwachsenen mögen keinen süßen Kinderpunsch“, sagt Verena Stein. Jedes Jahr stehen neue Modegetränke auf der Karte, wie heißer Hugo, Caipirinha oder Aperol-Spritz.

Das Geschäft ist sehr wetterabhängig

Das Geschäft sei sehr wetterabhängig – optimal sei Trockenheit und ein paar Grad über null. „Zu kalt ist schlecht, dann bleiben die Leute nicht sehr lange.“ Der Weihnachtsmarkt in Offenbach hat sich gemausert, finden Steins: „Die Beschicker legen mehr Wert auf schöne Stände. Es ist viel familiärer als in Frankfurt.“ Doch es fehle Kundschaft für Dinge wie Weihnachtsschmuck und Handgemachtes, weshalb manche Beschicker nur ein Jahr blieben.

Am meisten freut sich das Ehepaar darauf, nach vier bis fünf Wochen Weihnachtsmarkt wieder sitzend und in Ruhe essen zu können. „Hier muss alles ganz schnell gehen.“ Die beiden stemmen den Verkauf allein, an hektischen Wochenenden helfen die Kinder aus. Einen Stuhl gibt es im Wagen nicht. „Das würde Kunden vertreiben, wenn wir sitzen. Wir müssen immer ansprechbar sein“, weiß Verena Stein. „Wir wissen ja vorher, was der Weihnachtsmarkt bedeutet, und wir machen das gern.“

Sie hoffen, dem Offenbacher Weihnachtsmarkt noch lange erhalten zu bleiben. „Wenn die Gesundheit mitspielt, ist es gar kein Thema.“ Schon erfüllen sie den nächsten Kundenwunsch. Roten Glühwein. Ganz klassisch.

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