Weißer Ring hilft Opfern von Gewalt

Die Angst ein wenig lindern

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Alfred Hubers Kontakte zu Opfern füllen ganze Aktenordner. Jeden Anruf protokolliert der Hauptkommissar a.D. präzise.

Offenbach - In der Jugendsprache gilt „Du Opfer“ als Schimpfwort. Ein Opfer ist ein Idiot. Im Umkehrschluss müsste ein Täter ein cooler Typ sein. Einer, der zumindest partiell seinen Lebensinhalt darin sieht, andere zu malträtieren. Von Stefan Mangold

Wie der Dietzenbacher, von dem Alfred Huber erzählt. Dessen verprügelte Gattin hatte sich von ihm getrennt. Als der Mann wieder mal ein paar Schnäpse zu viel intus hatte, klingelte er bei ihr. Weil niemand öffnete, trat der Hüne die Wohnungstür ein. Anschließend schlug er auf die Frau ein und deutete eine dreiviertel Stunde mit Messerstichen an, sie zu töten – immer knapp an Hals und Kopf vorbei. „Dafür bekam er ein Jahr Bewährung.“ Um die Angst der Frau zumindest ein wenig zu lindern, organisierte Huber den Einbau eines Schiebebalkens an ihrer Türe.

Der pensionierte Polizist leitete 26 Jahre das Revier des Flughafens und erinnert an den 19. Juni 1985, als in einem Abfallbehälter eine Bombe explodierte. Drei Passanten kamen um. Über 40 erlitten zum Teil schlimmste Verletzungen. „Für solche Täter empfinde ich tiefes Unverständnis“, sagt der Außenstellenleiter des Weißen Rings – zuständig für Frankfurt Süd, Stadt und Kreis Offenbach. Der Verein unterstützt mit seinen ehrenamtlichen Helfern Opfer von Kriminalität. Wer knapp bei Kasse ist, bekommt einen Scheck für einen Anwalt und auch Unterstützung, die über die reine Beratung hinausgeht.

„Die Täter überlegen sich nicht, was sie anderen antun.“ Gleich, ob es sich um Bombenleger handele, die nach dem Zufallsprinzip morden und verstümmeln, oder um Erwachsene, die sich an Kindern vergehen. Das Telefon in Hubers Wohnung klingelt oft: Dran sind unter anderem Beraubte, Geschlagene oder jene, die ein früherer Lebensgefährte durch Stalking terrorisiert. „Meist sind Männer die Täter, denen es darum geht, Macht auszuüben.“ Huber führt über jedes Gespräch Protokoll. In Dutzenden von Aktenordnern heftete er in den zehn Jahren seiner Mitgliedschaft mehr als 1600 Fälle ab.

Der Ring hilft auch durch menschlichen Beistand. Der 75-Jährige erzählt die Geschichte der beiden Norddeutschen, die in Offenbach ein Auto kaufen wollten. Die vermeintlichen Anbieter lockten sie in eine entlegene Straße, prügelten los und raubten 20 000 Euro. Die Opfer hatten später Angst, Freunden und Verwandten ihrer Peiniger vor Gericht zu begegnen. Huber kam zur Verhandlung mit und erinnert sich an den Gesichtsausdruck der Mutter eines Angeklagten, „die war fertig, als sie erfuhr, was ihr Sohn verbrochen hat“.

Der Hauptkommissar a.D. gehört nicht zu jenen, die der Alltag zwar mit schrecklichen Geschehnissen konfrontiert, jedoch betonen, es lasse sie kalt. Huber wirkt besonders berührt, als er vom Sommer 2004 spricht. Hinter dem Rathaus ermordete ein Mann bestialisch die Mutter von fünf Kindern. Die war zur Frühschicht unterwegs. Huber erzählt vom Gespräch mit deren ältester Tochter, einer Studentin, und dem Vater, „die beiden saßen hier“. Den Tag darauf nahm sich der Mann das Leben. Auf dem Friedhof sanken zwei Särge ins Grab.

Die Tochter und ihr Freund übernahmen für die jüngsten Geschwister die Elternrolle, „das sind Helden“. Der Ring, die Stadt und viele hilfsbereite Offenbacher unterstützten die Familie finanziell, „die Anteilnahme war riesig“. Vor Gericht sei der zu lebenslang plus Sicherheitsverwahrung Verurteilte voller Selbstmitleid aufgetreten: „Er lamentierte über das Verhältnis zur eigenen Mutter.“ Reue habe er wohl keine empfunden, „wer dazu fähig ist, begeht kein solches Verbrechen“.

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