Eine „überfällige“ Auszeichnung

Weiter mit dem Lebenswerk

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Oberbürgermeister Horst Schneider und Stadträtin Marianne Herrmann zeichneten Grete Steiner (Mitte) aus.

Offenbach ‐ Wenn Menschen eine Ehrung für ihr Lebenswerk erhalten, kann der Gedanke aufkommen, ihr Schaffen sei somit abgeschlossen. Bei der Wahl-Offenbacherin Grete Steiner ist das eine abwegige Idee. Von Alexandra Bauer

Die rührige Lehrerin „im Ruhestand“ ist zwar gerade als erste Trägerin des mit 1.500 Euro dotierten Sophie-von-La-Roche-Preises für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Gleichstellung von Frauen mit Ehren überhäuft worden. Doch die Dame denkt noch lange nicht daran, die Hände in den Schoß zu legen. Die Leistungen von Mädchen und Frauen sichtbar machen und auf weibliche Vorbilder hinweisen – das sind Hauptanliegen der Pionierin in Sachen gelebte Emanzipation, die sich auch um die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund verdient gemacht hat.

Was in Offenbach Rang und Namen besitzt, hat sich für die Ehrung von Grete Steiner im Stadtverordnetensitzungssaal des Rathauses eingefunden. Auf die Begrüßung durch die Frauenbeauftragte und Frauenbürochefin Karin Dörr folgte ein musikalisches Intermezzo mit Christina C. Schütz an der Violine, Franz Volhard am Violoncello und Gabriele Scholz am Klavier. Und Oberbürgermeister Horst Schneider hielt eine launige Rede. In der zog er Parallelen zwischen der Namensgeberin des Preises, Sophie von La Roche, und der Preisträgerin Steiner: Während La Roche, die ebenfalls nach Offenbach zugereist war, schon im 18. Jahrhundert zeitweise ganz von der Schriftstellerei gelebt und die erste deutsche Frauenzeitschrift herausgegeben habe, habe sich auch Steiner mit „Standfestigkeit und Durchhaltevermögen“ einen Platz in der oft männlichen dominierten Öffentlichkeit erkämpft, um für ein „geschlechterdemokratisches Gemeinwesen“ einzutreten. Den Publikumsandrang bei der Verleihung wertete Schneider als Zeichen, dass die Schaffung des Preises wichtig, wenn nicht gar überfällig gewesen sei.

Laudatorin Mechthild M. Jansen von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung beschrieb Grete Steiner als unangepasste Persönlichkeit, der es mit persönlichem Mut und Selbstbewusstsein gelungen sei, zahlreiche Projekte wie die Gründung der Gruppe „Frauenenergie“ – die erfolgreiche Veranstaltungsreihen zu frauenrelevanten Themen organisierte – auf die Beine zu stellen. Und Synergien zwischen universitärer Forschung und Lehre und ihrer Berufspraxis als Lehrerin sowie der Öffentlichkeit zu schaffen, für die frauenspezifische Reformierung von Schulbüchern zu kämpfen und im Jahr 2000 das „Festival junger Talente“ ins Leben zu rufen – um nur einen groben Abriss über Steiners 45 Jahre währendes Engagement in und für Offenbach zu liefern.

1965 hat es die gebürtige Nordhornerin nach Offenbach verschlagen: Die Liebe ist der Grund gewesen, ihre Heimat zu verlassen. Eine Lehre im väterlichen Betrieb zu machen, kam für die junge Frau nicht in Frage. Sie zog in die große Stadt, entschied sich, Abitur zu machen, und lernte bei einem Englandaufenthalt ihren späteren Mann kennen.

In Offenbach angekommen und bald Mutter eines Sohnes, studierte sie auf Grundschullehramt und kam nach einigen Jahren an der Humboldtschule 1983 zur Schillerschule, wo sie bis zu ihrer Pensionierung 2009 als Lehrerin arbeitete. Auch in der Lokalpolitik mischt Steiner kräftig mit: 1986 trat sie der SPD bei; sie ist stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin.

Dank und Ehre gab es von anderer Seite nach einer weiteren musikalischen Einlage mit Elena Kotschergina am Klavier – von Schillerschulrektor Thomas Findeisen. Er würdigte die frühere Kollegin als „hauptberufliche Lebensbegleiterin“, die stets ein offenes Ohr für die Nöte ihrer Zöglinge gehabt habe und ihnen mit Respekt, Verständnis und Engagement begegnet sei.

Die Überreichung der Urkunde an die sichtlich gerührte Grete Steiner übernahm die Stadträtin und Vorsitzende der Gleichstellungskommission, Marianne Herrmann. Sie würdigte die Kommission und den Arbeitskreis, der den Preis konzipiert hat, der alle zwei Jahre verliehen werden soll, sowie Ideengeberin Claudia Bald (FDP).

Zudem zollte Stadtverordnetenvorsteher Erik Lehmann der Preisträgerin seine freundschaftliche Anerkennung, lobte Ideenreichtum, Beharrlichkeit und Offenheit. Bei diesem großen Engagement für die Frauen, so schmunzelte er, bekämen die Männer gelegentlich „Schuldgefühle“, weil sie dazu gezwungen seien, sich mit der Position der Frau in der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Steiner selbst zeigte sich bescheiden: „Man kann kein Projekt allein schultern.“ Es gebe immer nur einen „Motor“, der andere dazu bringe, sich anzuschließen und mitzumachen. Dass dieser Motor noch lange nicht stillsteht, belegen ihre Pläne zur Einführung eines „Diploms für Jungbürger“ für das Engagement im Dienste der Allgemeinheit.

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