Beethovenschulleiter in Ruhestand verabschiedet

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Ein beliebter Pädagoge verlässt eine Schule, die er 34 Jahre geprägt hat: Auch Valerie und Katharina aus der 4a und im Schulsanitätsdienst engagiert, werden ihren Herrn Beitler vermissen.

Offenbach ‐ Bei der Verabschiedungsfeier für die diesjährigen Viertklässler, gesteht Gerd Beitler, hat er diesen Donnerstag mehr als ein einsames Tränchen verdrücken müssen, als ihm bewusst wurde, dass es seine letzte war. Von Thomas Kirstein

„Es ist auch schon ein bisschen körperlich, wenn ich an den Abschied denke“, sagt er. 34 Jahre ist er nun an der Beethovenschule, davon gut 20 in leitender Funktion. Jetzt stehen dem 1944 in der Niederlausitz geborenen und in Ober-Ramstadt aufgewachsenen und zum Offenbacher gewordenen Pädagogen selbst Feiern zum Ruhestand bevor. Heute mit geladenen Gästen, nächste Woche seitens der Behörde, zum guten Schluss die wichtigste: jene, die rund 400 Grundschüler ihrem Herrn Beitler bereiten.

Er hat nie zu den stillen Schulleitern gehört, die Öffentlichkeit scheuten. Er verschafft sich lieber offensiv Gehör: ob beim langen Kampf für den dringend notwendigen Neubau seiner Schule, ob bei Sorgen um die nachlassende Schultauglichkeit vieler Sechsjähriger, ob wegen zunehmender Defizite bei Wahrnehmung, Motorik und Sozialverhalten, ob bei kultusministeriellen Ungereimtheiten, ob als Sprecher des Vereins „Interessengemeinschaft Offenbacher Schulleitungen“. Seine Losung: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Beitler sucht Familien daheim auf

Als „radelnder Rektor“ war er unserer Zeitung eine besondere Schlagzeile wert. Aber nicht sportliches, sondern über die vorgegebenen Pflichten eines Schulleiters hinaus gehendes soziales Engagement lassen ihn in die Pedale treten. Beitler sucht Familien daheim auf, die durch „Schulabsentismus“ auffallen.

Den sperrigen Fachbegriff wählt der Liebhaber des hiesigen Dialekts, weil das gute alte „Schwänzen“ das moderne Phänomen nicht mehr treffend beschreibt. „Früher sind die Schwänzer daheim weg, als ob sie in die Schule wollten und haben sich dann davor gedrückt“, erläutert Beitler, „heute aber ist die ganze Familie beteiligt. Da spielen Trennungängste der Mütter wie der Kinder mit, da gibt es Versagensängste vor jeder Anforderung.“ Speziell in Offenbach sind da viele Eltern, die einfach ihren Alltag nicht organisieren können. Beitler will und kann in etlichen Fällen helfen, indem er den persönlichen Kontakt sucht. Mit Eintritt in den Ruhestand soll das nicht enden.

Pensionär Beitler wird als BAT-Kraft und in Zusammenarbeit mit Jugendamt und Schulpsychologen zwei Stunden in der Woche problematische Familien mit Schulkindern betreuen. Die soziale Ader, sagt er, habe er wohl als ältester von drei Brüdern entwickelt. Ganz bewusst ist er Hauptschullehrer (mit anschließender Realschulprüfung) und nicht, wie zunächst beabsichtigt, Studienrat geworden. Als Wehrpflichtiger seien ihm die Volksschüler, die zum Teil noch nicht mal schreiben konnten, näher gewesen als arrogante Abiturienten.

„Es macht einen Riesenspaß.“

Im Ruhestand will Gerd Beitler zudem fortführen, was er „meine Lieblingsbeschäftigung im Schuldienst“ nennt: außerhalb von Klassenräumen und mit außergewöhnlichen Materialien (Beitler ist ein unermüdlicher Sammler) Wissen vermitteln und Interesse und Begeisterung wecken. Klassenfahrten, mit den Stadtkindern auf Burgen oder Bauernhöfe, sind seine Passion, für nächstes Jahr hat er sich schon als freiwilliger Begleiter einteilen lassen.

„Es macht einen Riesenspaß, den Kindern vor Ort die Natur, Märchen und Sagen nahe zu bringen – und das kommt an“, schwärmt der Lehrer für Geschichte und Geografie. In Zukunft will er, wie seit Jahren, Exkursionen und Ausflüge für Kollegen sowie Tagesfahrten für die Senioren der AWO organisieren. „Dann werde ich noch mein Englisch vervollständigen und mich in Frankfurt zum Stadtführer für Japaner ausbilden lassen“, verrät er einen weiteren Plan. Seine Wochenenden wird er wie bisher intensiv der sechsjährigen Enkelin Lara widmen.

Im vergangenen Herbst bescheinigte die Schulinspektion der Beethovenschule, es lägen keine Schwächen vor. „Stimmt so natürlich nicht, natürlich gibt es einiges, das nicht so läuft, wie es soll“, sagt Beitler. Bei der einschränkenden Bescheidenheit schwingt aber die Befriedigung über das Lob mit. Das Verdienst dafür misst er seinem Kollegium aus 25 Lehrerinnen zu, das genau die richtige Mischung von Leuten aufweise, um selbst gewählte Projekte und Vorgaben umsetzen zu können.

Gerd Beitler ist keiner, der hadert

1970 hat es der junge Lehrer Gerd Beitler geschafft, von einer ungeliebten Stelle im nordhessischen Witzenhausen nach Offenbach versetzt zu werden, wo er im gleichen Jahr seine Renate geheiratet hat. Es folgen Mathildenschule bis 1973, Wilhelmschule bis 1976, dann Beethovenschule. Erst als Konrektor und Leiter der dort bis 1989 existierenden Hauptschule, dann als kommissarischer Schulleiter.

1992 wird er „endgültig mit der Schulleitung betraut“: Die Formulierung ist wichtig, denn, wie Gerd Beitler eingesteht, ist er gar kein ordentlicher Rektor. Denn ihm fehlt auf eigenen Wunsch die Ernennungsurkunde – Grundschulrektoren kriegen ein A13-Gehalt, er als Hauptschul-Konrektor hatte A14.

Die vergangenen vier Jahre hat Quasi-Rektor Beitler für einen Neubau des technisch maroden Schulgebäudes gefochten. Grundsätzlich, sagt er, sei die Schulgemeinde der Stadt ja zu Dank verpflichtet, dass sie sich zu einem Projekt der Öffentlich-privaten Partnerschaft durchgerungen habe. Wie das gelaufen sei, sei freilich ein anderes Thema, weiterhin ärgerlich die Vorgabe, einen Großteil des Schulhofs für Wohnbauzwecke zu versilbern.

Aber Gerd Beitler ist keiner, der nachtragend hadert. Der Schulleiter, der sicher gern ein neues Gebäude eingeweiht oder wenigstens mit den Grundstein dafür gelegt hätte, nimmt mit ironischem Humor, was ihn am Donnerstag nächster Woche erwartet: „Es ist schon ein Witz, dass ich an meinem vorletzten Schultag die Vertragsbedingungen mit dem städtischen Schulbau-Partner Hochtief vorgestellt bekomme.“

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