Weiterhin unter Volldampf

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Eine Disellok aus dem Jahr 1952 erinnert an der John-F.-Kennedy-Promenade an ein Stück Offenbacher Industriegeschichte. Der Führerstand ist verschlossen, alle beweglichen Teile verschweißt.

Offenbach ‐  „Besser leben in Offenbach.“ Wer will das nicht? Und da gäbe es sicher einiges, was in der von der Leder- zur Kreativstadt verformten Kommune noch zu verbessern wäre. Der Verwaltung selbst fehlt es an den finanziellen Mitteln. Von Martin Kuhn

Kein Wunder, bei einem prognostizierten 98-Millionen-Euro-Defizit allein in diesem Jahr. Offenbach macht aus der Not eine Tugend: Das Prinzip der kleinen Schritte. An der Spitze geht Sabine Süßmann diesen Weg – und immer mehr folgen ihr.

Sabine Süßmann ist Projektleiterin – manche bezeichnen sie auch als Sauberfrau – einer Initiative, bei der die Stadt zwar mit ihrer hundertprozentigen Tochter Stadtwerke Holding eng zusammenarbeitet, aber keinesfalls die Zuständigkeiten aufhebt. Ein Beispiel aus Lauterborn, den Stadtteil, um den sich Süßmann derzeit kümmert: Sanierung und Erneuerung der Spielplätze ist weiterhin Sache der Kommune. Die Projektleiterin kümmert sich um den Rest – etwa um die Namensgebung.

Lauterbäume werden aufgestellt

Bislang sind die elf Spielflächen und vier Bolzplätze in Lauterborn nummeriert. Das ist unpersönlich und führt mitunter zu Irritationen. Auf Süßmanns Anregung befragt das Kinder- und Jugendparlament im vergangenen Sommer Buben und Mädchen im Stadtteil, sammelt Vorschläge und entwickelt eine Spielplatzrallye mit. Aus den Arealen eins, zwei und drei werden Raketen-, Pinguin- und Naturspielplatz. In diesem Jahr folgt der praktische Teil. Mit der Jugendkunstschule entstehen Schilder, Stelen oder Graffitis mit den entsprechenden Namen.

Zudem werden die sogenannten Lauterbäume aufgestellt. Mit Designer Norbert Roth und Jugendkunstschule hatten Schüler Ideen zur Umgestaltung der vierzehn Tempo-30-Stelen im Stadtteil entwickelt. Diese entstehen aus Cortenstahl. Der bildet unter der eigentlichen Rostschicht eine besonders dichte Sperrschicht aus festhaftenden Sulfaten oder Phosphaten, welche das Bauteil vor weiterer Korrosion schützt. „Vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber gerade bei Sonne mit einer ganz tollen Optik“, ist Sabine Süßmann angetan. Ähnlich übrigens, wie von ihrem sprichwörtlich schwersten Stück in Lauterborn: einer kleinen Diesellok, die inzwischen am Johann-Strauß-Weg auch für ein Stück Offenbacher Industriegeschichte steht.

Verschiedene Elemente erinnern an Industriegeschichte

Mit ihrer Betriebseinstellung zum 31. Dezember 1993 ging die nahezu 75-jährige Geschichte der Industriebahn zu Ende. Die etwa zehn Kilometer lange Strecke zwischen Ostbahnhof und Sprendlinger Landstraße verband 18 Betriebe mit der Fernbahnlinie Frankfurt-Bebra. Die erste Firma, die ans lokale Gleisnetz angeschlossen wurde,  war die Faßgroßhandlung Reichard; weitere, die viele nur vom Hörensagen kennen, folgten – die Portland Zementwerke, die Schleifmaschinenfabrik Friedrich Schmaltz, die Fabrik für Schmirgelmaschinen Mayer & Schmidt (MSO).

Nach dem Aus für die Industriebahn entstand nicht nur die Idee eines Fuß- und Radweges, sondern auch eines kleinen Museumsweges. Verschiedene Elemente erinnern heute an die Offenbacher Industriegeschichte: Kipplore, Signal, Weiche, Laufkatze und jetzt auch eine Lokomotive. Lange Jahre zog eine kleine Deutz-Diesellok für die MSO Waggons. Ihr Verbleib ist ungeklärt, nun schmückt jedoch ein Exemplar aus dem gleichen Baujahr den Stadtteil. Fachmännischen Rat holt sich Süßmann dazu von Dieter Gerst – dessen Vater und Großvater rangierten noch Lokomotiven durch Offenbach. Gekostet hat das blau-gelb lackierte Gefährt 4500 Euro – passend zum schmalen Budget und zur Historie. Ganz bewusst wurde eine kleine Werkslok gesucht, weit mehr hätten imposantere Baureihen (36.000 Euro) gekostet. Fündig wurde Süßmann übrigens per Internet bei einem Nutzfahrzeuge-Händler in der Nähe von Paderborn.

Verbesserung und Verschönerung

Aber lebt es sich dank einer Lokomotive denn besser in Offenbach? „Es geht nicht nur um Verbesserung, sondern auch um Verschönerung. Wir überlegen vorher, was stark prägend oder verbesserungswürdig ist“, erklärt Sabine Süßmann. In Lauterborn ist das auch die Industriebahn. Und die Frau steht weiter unter Dampf. Nach Mathildenviertel, Innenstadt, Nordend und Lauterborn folgt im Frühjahr das nächste Projekt. Vielleicht das Quartier zwischen der Bahnlinie und dem Starkenburgring oder auch einmal etwas themenbezogener – etwa die Bahn. „Das brennt Bürgern unter den Nägeln. Da summieren sich ganz viele kleine Sachen“, sagt Süßmann, währen sie die Lauterborn-Ordner wieder in einen hohen Büroschrank einsortiert. Der dürfte sich vielleicht bald als zu klein erweisen, wenn die Projektleiterin demnächst mit dem Unternehmen Bahn in Verhandlung tritt. Der einstige Staatsriese ist zu einem privaten Koloss geworden. Und bis der sich bewegt, dauert es seine Zeit...

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