Weltenbummler Steffen Hoppe

Aus Bürgel in die weite Welt

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Schnappschuss mit Kindern und Ball: Steffen Hoppe am Strand von Setse in Myanmar. Der Fußball spielt dort jedoch eine untergeordnete Rolle.

Offenbach - Ein Weltenbummler liebt das Reisen. Dafür gibt Steffen Hoppe 2002 eine Festanstellung auf. Bereut hat er mit seiner Familie diesen Schritt nie. Mit Fotoreportagen und Reiseberichten verdient er sein Geld – und findet stets zurück an den Main. Von Martin Kuhn

Erinnerungsstücke schmücken das Zimmer. Holzpuppen aus Indonesien, Schirme aus Laos, Steinfiguren aus Kambodscha. An den Wänden hängen großformatige Landschaftsbilder und Porträts. Der Besucher ahnt, dass da jemand ein Faible für Asien entwickelt hat. „Ja, es ist unser absolutes Lieblingsziel“, gibt Steffen Hoppe zu. Damit schließt er Ehefrau Regina und Tochter Sandrine ein. Die Bürgeler sind in der Welt daheim, kehren aber immer wieder gern zurück in die Heimat.   Rastlosigkeit ist ihnen nicht zu unterstellen. Die teils mehrwöchigen Reisen sind mehr als pures Vergnügen. Sie bilden die Grundlage für Steffen Hoppes Reiseberichte. Und die führen ihn mittlerweile quer durch die Bundesrepublik – von Kiel bis an den Bodensee.

Der ehemalige Angestellte verdient mit Fotoreportagen inzwischen seinen Lebensunterhalt. „Tja, das war anfangs nur ein Traum“, sagt er rückblickend. Die Jahre zwischen 2003 und 2007 bezeichnet er als „Versuchsjahre“. Als das Publikum der Lichtbildarena in Jena „Am Nil“ zum besten Newcomer-Vortrag wählt, ist es weiterer Ansporn. Mittlerweile darf er wohl zur erweiterten Gruppe der professionellen Reisefotografen gezählt werden. Bildveröffentlichungen im Heft und auf der Webseite von „National Geographic“ oder „Geo“ bürgen für besondere Qualität. Und in der Kategorie Monochromal war Steffen Hoppe im Finale des letztjährigen „Travel Photographer of the Year“ – und zwar mit vier Aufnahmen. „Die Bilder entstanden in diesem Jahr in Pakistan“, erzählt er und holt ausdrucksstarke Abzüge aus der Schublade. Bei den Preisen ist er nicht bedacht worden, was er sportlich nimmt: „Das ist eben Champions League...“

Immer neue Eindrücke

Ein Lieblingsbild vom Lieblingsort? Der 47-Jährige wägt für einen kurzen Moment die Antwort ab. „Nein“, entsagt er sich einer Kategorisierung. „Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Es sind immer wieder neue Eindrücke, die uns faszinieren“, schildert er. Selbst bejahen kann’s Regina Hoppe nicht. Sie weilt mit einer Freundin für drei Wochen in der thailändischen Metropole Bangkok. Das nährt den Eindruck, dass die Bürgeler das ganze Jahr unterwegs sind. „In der Summe sind’s in diesem Jahr eher drei Monate“, rechnet er schnell nach. Dabei weitet sich das Tätigkeitsfeld aus. Erstmals ist Steffen Hoppe in diesem Jahr als Reise- und Treckingführer für einen Veranstalter tätig und somit für eine Gruppe verantwortlich – eine gänzlich neue Herausforderung.

Abstieg vom „Hochlager“ am Galenstock im Wallis, eine wunderschöne Schneeschuhtour.

Ziele sind im Himalaya einmal das sogenannte Basislager des K 2, dann das Basislager des Nanga Parbat. Jener Ort, der es im Juni zu Schlagzeilen brachte: Eine Gruppe bewaffneter Taliban erschoss neun Touristen und einen Pakistani. „Daraufhin sperrte das Militär das komplette Gebiet, der Veranstalter sagte die Tour ab“, berichtet er. Sicher ein mulmiges, beklemmendes Gefühl; ein pauschales Urteil lehnt er jedoch ab. „Kritisch ist nach meiner Erfahrung vor allem die Anreise.“ Im Gebirge selbst sei die Anschlagsgefahr eher gering. „Die Leute kennen ihre Nachbarn in angrenzenden Tälern. Fremde fallen sofort auf... 98 Prozent der Pakistani sind einfach nur supernett.“ Dennoch sind Reisewarnungen des Auswärtigen Amts auch für ihn bindend. Und wenn man schon in der Region ist? „Da hören wir auf die Einheimischen...“

Ein eigenes Verständnis von Reisen

Das ist leichter gesagt als getan bei den verschiedenen Touren, die die Familie nicht allein nach Asien führen. Türkei, Ägypten, Syrien, Simbabwe, Neuseeland und Chile ergeben ein großflächiges Raster. Mit Englisch kommt Hoppe überall zurecht, Indonesisch spricht er leidlich, ansonsten helfen ein paar Standards in den Landesprachen – und ein freundliches Lächeln. Ein Pauschalurlaub etwa auf den Kanarischen Inseln zählt wohl nicht zu den favorisierten Zielen? „Nein“, lacht er, „das wäre definitiv nichts für uns. Unmöglich.“ Seine Familie braucht ihre Freiheit. Spontan ein, zwei Tage dranhängen, das passende Gefühl, das richtige Licht für das Foto abwarten. Das ist sein Verständnis von Reisen.

Achtung Elefantenwechsel: Der Bürgeler auf dem Weg zwischen Siabuwa und Binga südlich des Lake Kariba. Das Fahrrad ist ein uraltes Ding, aber super einfach. „Nahezu alles kann selbst ich reparieren.“

Mit Freunden und Fahrrad führt ihn das nach Afrika, mit Frau und Tochter nach Asien. Stets dabei ist die Fotoausrüstung, zu Beginn eine Nikon F3, inzwischen eine digitale Spiegelreflexkamera. Das spart zwar eine Menge Diafilme, reduziert aber nicht das Gesamtgewicht. Dafür sorgen Akkus, Ladegeräte, Notebook, Verbindungskabel. Gut 1600 Bilder, allesamt im raw-Format, warten auf die Bearbeitung am heimischen Computer. Wobei Hoppe lediglich Tonwerte korrigiert oder die Aufnahmen schärft. Bildteile ineinander zu kopieren ist für ihn tabu: „Die Aussage des Augenblicks soll nie verfälscht werden.“ Ein Fotografiestudium an einer privaten Hochschule rundet das Autodidaktische mit Theoretischem ab: „Es hat den Horizont stark erweitert.“

„Nichts ist mehr wie früher“

Darauf setzt der Bürgeler auch in seinen Vorträgen. Er möchte nicht allein eine Heile-Welt-Romantik vermitteln. Er spürt Alexander dem Großen nach, folgt den Spuren des Missionars David Livingstone, erzählt von Mythen und Abenteuern in den Alpen. Und das nächste Projekt nimmt allmählich konkrete Formen an. Überschrift: Monsun. Die Monsune (eigentlich: Winde) bestimmen vor allem in Süd- und Südostasien das Wetter. Deshalb wird das Jahr in dieser Region auch nicht nach den vier Jahreszeiten, sondern nach dem Sommermonsun von Juni bis September und dem Wintermonsun von Dezember bis Februar eingeteilt.

Dafür fliegt Hoppe während der Regenzeit nach Südostasien, spürt klimatischen Veränderungen nach, spricht mit Leuten vom Land. „Bergbauern schildern es mir mit einfachen Worten: Nichts ist mehr wie früher.“ Dabei ähneln sich die Beobachtungen in Pakistan oder Kambodscha. „Der Regen kommt unbeständiger und ist in der Regel weniger ergiebig.“ Wenn es mal richtig regnet, sind die Folgen verheerend. Die kahlgeschlagenen Flächen können das Wasser nicht aufnehmen. Es schwillt zu wahren Strömen an, die alles mitreißen. Im nächsten Frühjahr ist Nepal Hoppes finales Ziel, die tibetischen Täler, die eigentlich im sogenannten Monsunschatten liegen. Dies dürfte das Bild abrunden.

Das hört sich nicht gerade nach einem lustigen Diaabend an. Aber der Bürgeler bringt auch ganz andere Eindrücke aus Asien mit. So hat er in Kambodscha die Begeisterung für die Wahl leibhaftig gespürt. „Ich habe mit den jungen Leute, die alle euphorisch waren, mitgefiebert: Wir dürfen wählen! Wir dürfen wählen!“ Das hat die Macht von Ministerpräsident Hun Sen zwar nicht gebrochen, eröffnet aber andere Sichtweisen auf so manche deutsche Wahlbeteiligungen: „Das Desinteresse ist nicht nachvollziehbar.“

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