Wenig Hoffnung auf Korrektur

Leibnizschüler gegen Stundenkürzungen in der Oberstufe

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Minister Lorz in Erklärungszwang: Es lauschen Schülervertreterin Alice Petersen und Abiturient Alexander Breuning.

Offenbach - Sie haben nicht locker gelassen, nachdem sie im Juli gegen Kürzungen protestiert hatten: Der Kultusminister soll den Leibnizschülern persönlich darlegen, warum er Stunden in der gymnasialen Oberstufe streicht. Von Julia Radgen 

Alexander Lorz kommt nach Offenbach – und will befürchtete Bildungsnachteile mit dem Sparzwang auf Landesebene weg argumentieren. „So knapp wie möglich“ – diesen Teil des Mottos vom aktuellen Abiturjahrgang der Leibnizschule könnte sich Hessens Kultusministerium zum Sinnspruch erhoben haben. Denn die vom Christdemokraten Alexander Lorz geleitete Behörde streicht sukzessive Lehrerstellen in der Oberstufe von Gymnasien. Die Kapazitäten sollen in Inklusion, Ganztagsangebote, Sozialindex und Deutschförderung fließen. Diese Umverteilung sei die einzige Möglichkeit, weil kein zusätzlicher Etat da sei, wie Lorz im Leibniz-Konferenzraum wiederholt: „Ich kann nicht mehr Geld herbeizaubern.“

Was der Minister als „kleine Verschiebungen“ bezeichnet, bekommen die Leibniz-Oberstufenschüler zu spüren. „Ich würde gern Chemie-Leistungskurs wählen, der würde aber nicht mehr zustande kommen“, sagt Vize-Schulsprecherin Alice Petersen. Mit zehn Stunden weniger gibt es keine Leistungskurse in Kunst und Physik mehr, ebenso keinen Erdkunde-Grundkurs. „Wir müssen zwei Religionskurse zusammenlegen“, ergänzt Oberstufenleiter Martin Schweinsberg. „Dann haben wir schnell 30 Schüler in einem Raum, da geht kein ordentlicher Unterricht mehr.“ Hessenweit profitieren Grundschulen, Unter- und Mittelstufen, weil die Oberstufen nach Ansicht des Ministeriums besser aufgestellt sind. „Das ist nicht unsere Wahrnehmung in Offenbach“, sagt Schweinsberg. Wenn man Stunden aus der gymnasialen Oberstufe umverteile, leide die Förderung Benachteiligter.

Diese sei in Offenbach besonders nötig. „Wir haben viele Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien“, sagt Petra Blaufuss vom Stadtelternbeirat. Die müssten besonders unterstützt werden, was an der Leibnizschule bisher mit zusätzlichen Lehrerstellen bewerkstelligt wurde. Die verdanken sich einem hohen „Sozialindex“, der sich aus Faktoren wie Arbeitslosen- oder Einwandererzahl ergibt. Weil Lorz’ Behörde „bei der Verfeinerung ein Ungleichgewicht zugunsten der Gymnasien“ festgestellt hat, werden diese Vorteile an der Leibnizschule künftig wegfallen.

Klassisch und modern: Die besten Spick-Methoden

Diesen Kurs des Ministeriums kritisiert Schulleiter Christoph Dombrowski: „Wir müssen dringend Deutsch als Zweitsprache unterrichten.“ Nur so könne man auch Schülern mit fremder Muttersprache zum Abitur verhelfen. Gleichzeitig stiegen an Offenbacher Gymnasien die Schülerzahlen. „Wir stoßen wieder an den Rand unserer begonnenen Fördermaßnahmen“, sagt Dombrowski. Der Minister rechtfertigt die Reform in der sozial indizierten Lehrerzuweisung mit ihrem Versuchscharakter: „Es war ein Experiment.“ Die Schüler hingegen fühlen sich durch die wechselnden Auflagen selbst als „Experiment“ des Kultusministeriums. „An uns wird gespart, das können Sie nicht bestreiten“, beklagt Alice Petersen, „meine Schulzeit war bisher ein einziges Experiment.“

Initiiert hat die Diskussion Schulsprecherin Hibba Kauser. Der Minister hatte ihr seinen Besuch nach den Schülerprotesten vergangenen Juli zugesichert. Er verspricht zwar, die Beobachtungen aus Offenbach nach Wiesbaden zu tragen. Doch unter Schülern und Lehrern schwindet nach der zahlenlastigen Diskussion die Hoffnung auf Korrektur. „Ich hätte mir mehr Einsicht in unsere Situation erhofft“, sagt Hibba Kauser. Das Publikum bemängelt, dass Lorz mit hessenweiten Rechnungen hantiere, aber keine Zahlen für Offenbach mitgebracht habe. Zwischendrin hat der Minister übrigens verraten, dass er einen Mathe-Leistungskurs besucht hat. Zu Zeiten, als noch keine Kurse gestrichen werden mussten.

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