Weniger brauchen Hilfe

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Ausgaben für Hilfsbedürftige: Für Erwerbsfähige gilt das Sozialgesetzbuch II, für Erwerbsunfähige das Sozialgesetzbuch XII. Die Zuständigkeiten sind kompliziert.

Offenbach - Kaum im Amt, hat der neue städtische Sozialplaner Ralf Theisen gleich eine Aufgabe erwischt, die nach menschlichem Ermessen auch in den nächsten Jahren nicht seine liebste werden dürfte. Von Marcus Reinsch

 Dabei lesen sich die Rahmendaten zum Offenbacher „Sozialbericht 2008“ gar nicht mal so schlecht: Am Ende des vergangenen Jahres gab es in der Stadt 21547 „Leistungsempfänger“ - 356 oder 1,6 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Und es hätten sogar noch weniger sein können - weil der Rückgang bei den vom Sozialgesetzbuch (SGB) II aufzufangenden Hartz IV-Empfängern und ihren Familien von 19 376 in 8 921 Bedarfsgemeinschaften Ende 2007 auf 18 796 Menschen in 8 589 Bedarfsgemeinschaften Ende 2008 stolze 3 beziehungsweise 3,7 Prozent hergegeben hätte. Doch unterm Strich frisst ein 8,8-prozentiges Plus bei der im Sozialgesetzbuch XII festgeschriebenen Sozialhilfe für nicht mehr Erwerbsfähige, Alte oder Kranke (von 2554 auf 2778 Menschen) das ersehnte Minus zur Hälfte wieder auf. Immerhin: Für Offenbach bedeutet das, dass die hessenweit bei 8,8 Prozent liegende sogenannte SGB-II-Quote (Anteil der Leistungsbezieher von 0 bis 64 Jahre) von 20 auf 19,3 Prozent gesunken ist - nur Kassel ist schlechter. Und mit ihr die Summe der Sozialausgaben.

Da gilt es theoretisch, das Bild von einem schwachen Licht am Ende des Tunnels zu bemühen. Allein: Auch das wird wohl allzu bald wieder verblassen. Die Daten der ersten Monate dieses Jahres, so steht‘s im Bericht, lassen schon erahnen, dass die Wirtschaftskrise wenn nicht dieses, dann eben nächstes Jahr bei der zuletzt gesunkenen Zahl der Langzeitarbeitslosen durchschlagen wird.

Der dritte städtische Sozialbericht liefert dutzende Statistiken

Dass irgendwann eine echte, eine stabile Konjunktur des Weges kommt und Offenbach aus dem Sozialsumpf zieht - unwahrscheinlich. Und die Konjunktur alleine könnte auch an der Sozialstruktur nichts Entscheidendes ändern. Keine Stadt in Deutschland hat im Schnitt jüngere Bewohner und keine einen höheren Migrantenanteil. Die vor allem von letzteren bewohnten innenstädtischen und zentrumsnahen Quartiere sind die mit der größten „SGB-II-Dichte“. Ausländer sind im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich oft unter den Hilfebedürftigen. Anteil Ende 2008: 50,1 Prozent.

Das trifft vor allem Kinder. Mehr als jedes dritte Offenbacher Kind - 34,4 Prozent - ist auf soziale Hilfe angewiesen. Der Nachwuchs ist es auch, den Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Birgit Simon durch das für die Familien von Hartz-Empfängern bestimmte „Sozialgeld“ nicht ausreichend abgesichert sieht. Da gebe es, sagt Matthias Schulze-Böing als oberster städtischer Arbeitsförderer und Chef der für die Versorgung von Hartz-IV-Empfängern zuständigen „MainArbeit“, nicht nur Einkommensarmut, sondern auch „Armut an sozialen Chancen“.

Im Internet wird der Bericht auf der städtischen Seite zu finden sein.

Der dritte städtische Sozialbericht liefert dutzende Statistiken, aus gutem Grund ein vierseitiges Abkürzungsverzeichnis und eine Liste der Offenbacher Waffen im Kampf gegen jede Form von Armut. Das Repertoire reicht von Hausaufgabenhilfe über Beschäftigungsoffensiven für Jugendliche wie ältere Semester bis zu Hilfen für Alleinerziehende.

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