Wenn auch die Lupe nicht hilft

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Die Blinden- und Sehbehindertenvereinigung Offenbach und Umgebung informierte an einem Stand im Ringcenter über ihre Arbeit. Gabriele Heckel und Wolfgang Schmitz demonstrierten den Umgang mit einem Globus für Blinde.

Offenbach - Wenn Margarete Röder von einem „blauen“ Hemd spricht, hat das für sie eine andere Bedeutung als für die Mehrheit der Menschen. Sie weiß nicht, was blau ist. Für Margarete Röder sind Farben lediglich abstrakte Begriffe. Von Stefan Mangold

Sie spricht davon, weil es der Kontakt zur Außenwelt verlangt. Auch ihr Hemd soll sich für den Blick der anderen farblich nicht mit der Hose beißen.

Die Vorsitzende der BSVO, der Blinden- und Sehbehinderten Vereinigung Offenbach und Umgebung, verlor ihr Augenlicht im Alter von drei Jahren in Folge einer Hirnhautentzündung. „An die kurze Zeit als Sehende kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt sie. Auf die Frage, was sie denn vor ihrem inneren Auge sieht, antwortet die Offenbacherin: „Nichts. Es ist dunkel.“ Wobei es sich ähnlich verhält wie mit den Farben. Dunkel und hell kommen in ihrer Welt nicht vor.

Farben können Blinde übrigens bestimmen. Sie drücken ein Gerät aufs Textil, das dann „schwarz“ oder „blau“ ansagt. Am Samstag konnten sich an einem Informationsstand des Vereins im Ringcenter Interessierte zeigen lassen, mit welchen Utensilien sich Blinde und Sehbehinderte helfen.

Bei Annemarie Santoro, die stellvertretende Vorsitzende, die mit ihrem Lebensgefährten Reinhold Kovacs am Nachmittag den Stand mitbetreute, stellten die Ärzte als Kind das so genannte Rieger-Syndrom fest. Eine äußerst seltene Erbkrankheit. Auf dem einen Auge ist die Studentin der Theologie ganz blind, auf dem anderen sieht sie beeinträchtigt, doch gut genug, „um jemanden auf einem Foto wieder zu erkennen.“ Für sie ist eine starke Lupe hilfreich, die für Margarete Röder nutzlos wäre.

Info-Ecke

Die BSVO informiert und hilft bei Behördengängen, Rechtsfragen, der Beschaffung von Hilfsgeräten und der Betreuung im Krankenhaus. Kontakt mit dem Verein in der Senefelder Straße 100: Tel: 069-89999726

Früher seien es über hundert Offenbacher gewesen, die sich im 1931 gegründeten BSVO organisierten. Heute sind es noch knapp über dreißig. Infostände, wie der am Samstag, sollen neue Mitglieder werben. Es gäbe bei etlichen Sehbehinderten eine Hemmschwelle, sich anzuschließen. „Mein nicht sehbehinderter Lebensgefährte überredete mich, beizutreten,“ erzählte Annemarie Santoro. Im Gegensatz zu den meisten Blinden dauere es bei vielen Sehbehinderten lange, ihren Zustand zu akzeptieren und damit nach außen zu treten. Etwa einen Blindenstock zu benutzen, sei ein enormer Schritt. Etliche verzichteten deshalb auf Vergünstigungen. So kostet für die stellvertretende Vorsitzende die Jahreskarte für den RMV nur 60 Euro. Margarete Röder fährt ganz umsonst mit dem Bus durch die Stadt.

Vor allem der soziale Aspekt ist für die Mitglieder im Vereinsleben wichtig. Der Austausch mit Betroffenen über Probleme und Situationen des Alltags sei nicht zu ersetzen, „denn nur die wissen, von was ich spreche,“ erklärte Margarete Röder.

Den Rückgang der Mitglieder begründete sie mit dem großen medizinischen Fortschritt in der Augenheilkunde: „Es gibt weniger Blinde als früher, zum Glück.“ Wohl auch deshalb, weil die Zahlen an Unfällen in der Arbeitswelt und die der Schwerverletzten im Straßenverkehr in den letzten Jahrzehnten stark gesunken sind.

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