Wenn Gerüchte Amok laufen

Offenbach - In einer potenziell von Amokläufern bedrohten Schulwelt sind Pädagogen und Polizisten zum Spagat gezwungen: Es gilt, bösartig gestreute Gerüchte abzuwürgen, die nichts als Panik verbreiten. Und es gilt, Schüler, Lehrer und Eltern dafür zu gewinnen, dass sie nicht die Augen davor verschließen, wenn ein junger Mensch verzweifelt.

Denn Warnsignale, die Hinweise auf einen schrecklichen Plan sein könnten, sollen auf keinen Fall ignoriert werden.

Seit Monaten halten sich hartnäckig Gerüchte, dass das Leibnizgymnasium von einem Amoklauf bedroht sei. Auch ein Entwarnungs-Brief des kommissarischen Schulleiters Christoph Dombrowski an alle Eltern und Schüler hat nicht für Beruhigung gesorgt. Es gebe keine „Hinweise auf eine reale Gefahr“, heißt es in dem Schreiben. Einige Empfänger hat der Brief sogar zusätzlich beunruhigt.

Gestern ließ das Aufkreuzen eines früheren Schülers, der als labil gilt, bei einigen Jugendlichen in der Leibnizschule Befürchtungen wieder aufflammen. Sie alarmierten per Notruf die Polizei. An der Schule in der Brandsbornstraße wurde Alarm ausgelöst und die Klassenräume von innen verriegelt. Wie Polizeisprecher Henry Faltin auf Nachfrage berichtete, fanden die alarmierten Beamten in der Jute-Tasche des 17-Jährigen eine Spielzeugpistole aus Plastik. Der Schulleiter hatte den Besucher zum Gespräch ins Direktorenzimmer gebeten, als die Polizisten eintrafen. Der Junge habe niemanden bedroht. Es gibt nur Mutmaßungen darüber, was er in seiner früheren Schule beabsichtigte.

Eine mehr als ein Jahr alte Zeichnung des selben Schülers hatte bereits in den vergangenen Monaten für Aufregung am Leibnizgymnasium gesorgt. Einige Betrachter hatten die Zeichnung als Ankündigung eines Amoklaufs verstanden. Schulleiter Dombrowski und Polizeisprecher Faltin versichern, es sei sorgsam geprüft und festgestellt worden, dass von dem Zeichner keine Gefahr für andere ausgehe.

Dennoch, so beklagt der Schulleiter, hätten einige Schüler wider besseres Wissen Angst an der Schule geschürt und Gerüchte gestreut. Gegen diese Form böswilliger Störung des Schulfriedens richtet sich denn auch ein Passus in Dombrowskis Schreiben an die Eltern und Schüler: „Konsequent wird künftig das aktive Verbreiten von Unwahrheiten und falschen Verdächtigungen strafrechtlich verfolgt werden. Es droht eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren und zusätzlich Schadensersatz für Einsatzkosten.“

Diesen Brief habe er auf Anraten der Polizei so verfasst, sagt Dombrowski. Bei einigen Eltern, die sich an unsere Zeitung wandten, kam der Text schlecht an. Sie verstanden ihn als Maulkorb. Ängste und Beobachtungen dürften nicht mehr geäußert werden, wo doch gerade Bundespräsident Horst Köhler eine „Kultur des Hinsehens“ gefordert hat, um weitere Amokläufe an Schulen zu verhindern. So sei das nicht gemeint gewesen, stellt auch Polizeisprecher Faltin klar. „Wer etwas beobachtet hat oder sich Sorgen macht, kann und soll das sagen.“

Nur wer wider besseres Wissen bösartig Gerüchte in die Welt setze, soll bestraft werden. Ebenso wie Trittbrettfahrer, die sich einen schlechten Scherz daraus machen, Amokläufe anzudrohen. „Die Leibnizschüler aber, die sich gestern ängstigten und die Polizei alarmierten, haben völlig richtig gehandelt“, stellt der Polizeisprecher klar. Auch wenn tatsächlich keine Gefahr bestanden habe.

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