Wenn jede Minute zählt

Offenbach - Schon am Samstagmittag schätzt Ausbildungsmeister Norbert Habenstein, „dass bis jetzt 1200 Leute zu unserem Tag der offenen Tür gekommen sind“. Bei der Berufsfeuerwehr erfahren sie, dass Wasser nicht immer geeignet ist, um Feuer zu löschen. Von Stefan Mangold

Brennt das Fett in der Fritteuse, riskiert eine üble Verletzung, wer meint, ein Glas Wasser darauf gießen zu müssen. Eine gefährliche Fehleinschätzung, bewirkt Wasser auf Fett doch eine böse Explosion. Im Hof der Wache zeigen Feuerwehrleute, wie es richtig geht: „Nämlich eine Decke drüber legen. “ Mehrere Besucher ziehen eine Schutzjacke an und probieren es selbst aus. Die Flamme erstickt.

An einer weiteren Station referiert Dr. Birger Freier, Leiter des Rettungsdienstes der Stadt, über die Möglichkeiten, jemanden mit Herzstillstand zu reanimieren. Im Takt zu „Stayin’ Alive“, einem Hit der Bee Gees aus den siebziger Jahren, erklärt Freier: „So müssen Sie die Herzmassage vornehmen.“ Die richtigen Handgriffe demonstriert der Notarzt an einer Puppe. „Wenn das Herz stehen bleibt, sinkt mit jeder Minute die Überlebenschance um zehn Prozent.“

Freier erinnert sich an einen Fall vor einem Offenbacher Café. Ein Mann sei kollabiert und habe blutend auf dem Gesicht gelegen. Niemand aus dem Café habe sich genötigt gefühlt, die sechs Meter hinüberzugehen und zu helfen. Immerhin habe jemand den Notarzt verständigt. „Die Wiederbelebungsmaßnahmen hat dann noch ein Gaffer behindert.“ Als Freier den Mann aufforderte zu gehen, habe er ihn mit „Pass’ auf, Alter, ich seh’ dich noch“ bedroht. Zwei Tage später sei der Patient verstorben. Bei sofortiger Hilfe wäre das eventuell zu verhindern gewesen: „Es gibt keine falsche erste Hilfe, sondern nur unterlassene Hilfe.“

Kritik an Gaffern

Ein mittlerweile etablierter Sport unter Gaffern sei es, Rettungsmaßnahmen mit dem Handy aufzunehmen. Freier erzählt von den Wiederbelebungsmaßnahmen an einer 16-Jährigen auf dem Bahnsteig in der S-Bahn-Station Marktplatz. Während er und die Sanitäter um das Leben des Mädchen kämpften, „filmten das zehn Leute“. Später habe jemand die Szene ins Internet gestellt. „Es ist zum Kotzen, sich am Leiden anderer aufzugeilen“, findet Freier klare Worte.

Von den Belastungen der Feuerwehrleute spricht an diesem Tag auch Brandoberrat Dr. Michael Eiblmaier. Die Zeiten, in denen die sich „als harte Hunde geben mussten, sind zum Glück vorbei“. Eiblmaier erzählt vom Geruch der Leichenteile auf Zuggleisen. „Den wirst du über Wochen nicht los.“ Doch es gibt für die Helfer die Möglichkeit, sich mit Psychologen auszutauschen. Generell haben die Feuerwehrleute den Vorteil, „dass sie mit ihren Kollegen über Erlebnisse reden können“. Eiblmaier berichtet aber auch Positives. Ein Mann etwa habe angerufen, um wegen eines Herzstillstands Hilfe zu ordern. Der Disponent habe ihn angewiesen, was er unternehmen solle. So habe es der Mann geschafft, „das Herz wieder zum Schlagen zu bringen“. Das sind die schönen Momente der Brandbekämpfer.

Ihre Schichten dauern in der Regel 24 Stunden. „Dann habe ich zwei Tage frei“, erklärt Zugführer Andreas Gutjahr. Wenn kein Alarm eingeht und Gutjahr nicht ausrücken muss, erledigt er Verwaltungsarbeiten oder wartet die Geräte. Wer nachts nicht unterwegs ist, legt sich hin. „Doch man schläft eher wie ein Tier, immer mit einem halboffenen Auge“, sagt Uwe Sauer, Branddirektor und somit oberster Feuerwehrmann. Zu hören sind dann auch die Alarmierungen, „die einen selbst nicht betreffen“, ergänzt Gutjahr.

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