Wenn jede Stufe zur Qual wird

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Keine hohe Stufe, aber eine fast unüberwindbare Schwelle für Gehbehinderte. Unserem Redakteur helfend zur Seite standen Michael Herig und Ellen Woloszyn. 

Offenbach - Wer würde nicht gern erfahren, wie die Welt, das Leben, in einem halben Jahrhundert aussieht? Einen kleinen Zeitsprung wagen, das wäre toll. Von Fabian El Cheikh

Allein daran, dass diese 50 Jahre nicht ohne Spuren an eigenem Körper und Geist vorbeisausen, daran mag ein vergleichsweise junger Mensch kaum denken. Darf es zu Beginn gleich der Graue Star im Endstadium sein? Oder nur eine leichte Sehstörung wie nach einem Schwindelanfall?

Deutschland im Jahr 2060. Je nach Berechnung sind 42 bis 51 Prozent der Bevölkerung über 50 Jahre alt, nur noch jeder Fünfte unter 30. Ich werde noch eine Schippe drauflegen und mich gleich wie 80 fühlen, verspricht mir Wolfgang Jeske. Der Ausbilder der TÜV-Rheinland-Akademie hat seine Pflegehelferschülerinnen bereits instruiert. Sie bauen mich um in einen geh-, seh- und hörbehinderten alten Mann, der sich irgendwie zurechtfinden muss in seiner Welt.

Hörschutz, Halskrause und bleischwere Weste

„Solche Menschen sind in aller Regel auf sich allein gestellt“, sagt Jeske, der diese Erfahrung mit seinen 65 Jahren noch nicht machen musste, sie aber aus seiner täglichen Arbeit als Krankenpfleger nur allzu gut kennt. „Da gibt es nicht den berühmten Fremden, der einem über die Straße hilft, obwohl ich doch nur den Bus nehmen wollte“, spielt er auf einen bekannten Sketch an.

Ich werde auf einen Stuhl gesetzt. Die netten Damen unterschiedlichen Alters spannen mit Klettverschlüssen Gewichte um Handgelenke, Ellenbogen und Waden, Handschuhe sollen das Greifen erschweren. Dann folgen Hörschutz, Halskrause und zum Schluss eine Weste schwer wie Blei, schön festgezurrt, um ja auch den Atem einzuengen. Ich fühle das Gewicht schon im Sitzen. Adipositas lässt grüßen, hätte ich früher mal nicht so üppig zugelangt bei den Mahlzeiten...

Der eigens für den Weiterbildungstag am heutigen Freitag aufgebaute Parcours wartet schon auf den Probelauf. In jungen Jahren darf ich ihn noch nicht sehen, erst mit einer dicken Brille auf der Nase. Ich entscheide mich zur Eingewöhnung für eine leichte Sehstörung. Schwarze Flecken schwirren durch die Luft, ein wenig so wie nach einer ordentlich durchzechten Nacht, wenn man die Augen nach wenigen Stunden Schlaf öffnet und die Sommersonne ungehindert ins Schlafzimmer knallt. Ich stehe auf, und stelle irritiert fest, dass ich den festen Stand in meinem Leben verloren habe. Die unscheinbaren Schuhüberzieher machen jeden Schritt zu einer ziemlich wackeligen Angelegenheit.

Ein beklemmendes Gefühl

Endlich am Parcours angekommen der erste Wechsel: Ich habe meine Medikamente nicht gewissenhaft genommen, die Diabetes hat zugeschlagen: schwere Sehschäden, mein Sichtfeld ist eingeschränkt. „Laufen Sie ruhig einmal den Parcours ab“, flüstert mir Ausbildungsleiterin Franziska Piechnik zu. Sie ist laut geworden, sonst hätte ich sie wohl nicht verstanden. Dann vernehme ich ein knalliges „Hallo“, ich drehe mich um, kann doch nur ich gemeint sein, wenn jemand so hörbar schreit – keine Reaktion der Umstehenden. Hmm, war wohl doch nicht an mich gerichtet.

Brillenwechsel. Das Alter setzt mir zu, inzwischen hat mich der Graue Star gepackt, jetzt wird’s richtig düster. Ein dicker Nebel hat sich auf meine unmittelbare Umgebung gesenkt, die heimtückischen Stufen des Parcours sind nicht mehr zu erkennen, ohne Begleitung und wachsames Vorantasten (so weit das noch geht in dieser körperlichen Verfassung) würde ich unweigerlich stolpern. Ich finde mich nicht mehr gut zurecht, ein beklemmendes Gefühl, nicht mehr das wahrnehmen zu können, was um einen herum geschieht. Ich bin auf die Hilfe anderer angewiesen.

Der Rollator - Eine segensreiche Erfindung

Besucher können von 10 bis 14 Uhr den Parcours in der TÜV-Akademie (Kaiserstraße 66) kostenlos nacherleben.

Ungeschickt begleite ich meinen Zimmernachbarn aus dem Pflegeheim durch den Parcours. Ich bekomme seinen Rollstuhl kaum über die Stufen, ruckhaft und mit aller mir noch zur Verfügung stehenen Gewalt hieve ich beide über die Stufen am Boden – ihm wird schlecht. Eine gute Figur mache ich nicht gerade, doch darauf kommt es bei dieser Aktion auch nicht an. „Wir wollen das Alter erlebbar machen“, betont Piechnik, „die Besucher sollen erfahren, wie sich diejenigen fühlen, die alt sind oder gepflegt werden müssen. Damit die Menschen mehr Verständnis aufbringen für die langsamen Alten, die Oma, die im Supermarkt nach ihren Münzen kramt oder sich mit dem Rollator durch den hektischen Alltag müht.“

Überhaupt, der Rollator – eine wahrlich segensreiche Erfindung, gibt sie doch Halt nach vorn und bietet für kurze Pausen eine kleine Sitzfläche. Wären da nur nicht diese schier unüberwindbaren Stufen. Bürgersteige müssen für manche Senioren wahrlich eine Qual sein. Wie sich die Sicht aufs Leben doch ändert nach so einem Tag.

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