Wenn die Mutter mit der Tochter...

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Gegen falsche Ideen über die künftige Berufslaufbahn hilft nur gute Beratung.

Offenbach - Der „Bravo“-Starschnitt war gestern. In einem 32 Seiten starken Extraheft lockt das Kult-Jugendmagazin mit anderen Inhalten. Von Katharina Skalli

„Deine Chance auf einen Traumjob“, „Die Checkliste für Deine Bewerbung“ und „Die Top-Facts zu Deiner Ausbildung“ sind die Titel, mit denen jugendliche Leser neugierig gemacht werden. Zumindest die Sonderausgabe, die im Berufsinformationszentrum der Agentur für Arbeit ausliegt, setzt auf Job und Ausbildung statt auf Lovestory und Fangeschichten. Nur die Covergirls und -boys sind die gleichen: junge Sänger und Schauspieler, eben die Superstars der Teenager. Dabei sind es meist andere, die tatsächlich als Ratgeber fungieren, wenn es um die Berufswahl geht. Nämlich die eigenen Eltern.

Das Thema „Ausbildung und Beruf“ ist also topaktuell. In Offenbach hatte am Samstag die Agentur für Arbeit in ihr Infocenter gebeten, um Eltern und ihren Nachwuchs gemeinsam zu informieren. „Eltern sind nach wie vor wichtige Ratgeber für ihre Kinder“, sagt Regina Umbach-Rosenow. Die Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Offenbach weiß, dass viele Eltern angesichts der Fülle an Möglichkeiten oft überfordert sind. Mit dem „Forum für Eltern“ will die Einrichtung Licht ins Dunkel bringen und aufklären. Es ist die erste Veranstaltung dieser Art in Offenbach. Bereits in den ersten zwei Stunden waren 160 Eltern mit und ohne ihre Kinder der Einladung gefolgt. Die gesamte Berufsberatung der Agentur war im Einsatz. Außerdem der psychologische Dienst. Zwischen 10 und 15 Uhr lockten im 30-Minutentakt Vorträge in die Gruppenräume. Vorgestellt wurden handwerkliche Berufe, Ausbildungen im Bereich Handel und Industrie, Duale Studiengänge, die Zulassungsvoraussetzungen für das Studium, aber auch Informationen zum weiterführenden Schulbesuch oder zur Finanzierung des Studiums.

Julia Schuler weiß eigentlich genau, was sie nach dem Abitur machen möchte. Grundschullehrerin will die 18-Jährige werden. „Dabei haben wir sie immer unterstützt“, sagt ihre Mutter Eva. Doch nun ist das Mutter-Tochter-Gespann unsicher, ob sich der Traum erfüllen lässt. Durch G8 hat sich die Zahl der Abiturienten, die an die Uni wollen, erhöht. Wer im Oktober an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität auf Grundschullehramt studieren wollte, musste einen Notendurchschnitt von 2,1 vorweisen. Julia Schuler ist sich nicht sicher, ob sie das schaffen wird. Zur Sicherheit will sie sich über Alternativen informieren. „Ich möchte auf jeden Fall mit Menschen arbeiten“, sagt die Schülerin. Für einen Studienplatz umziehen, will sie allerdings nicht so gerne. „Das ist ja auch eine Kostenfrage“, ergänzt ihre Mutter. Dann wird es Zeit. Der Vortrag, den sich die beiden Mühlheimerinnen anhören wollen, beginnt. „Zulassungsvoraussetzungen für das Studium“ heißt der Titel, der vor allem angehende Abiturienten samt Eltern anlockt. Das Bedürfnis nach Beratung ist groß. Ähnlich wie die Fülle der Möglichkeiten. 600 Ausbildungen beschreibt das „Lexikon der Ausbildungsberufe“. Vor zehn Jahre waren es noch etwa 480. Hinzu kommen Studiengänge und Überbrückungsmöglichkeiten wie das Freiwillige Soziale Jahr oder Auslandsaufenthalte. Auch darüber informiert die Veranstaltung. „Jugendliche orientieren sich immer später“, sagt Thomas Iser. Der Chef der Arbeitsagentur in Offenbach hat auch zwei Kinder, die am Ende ihrer schulischen Ausbildung stehen und sich für einen Beruf entscheiden müssen. „Ich weiß was für Gespräche zu Hause geführt werden“, sagt er und lächelt. Weil viele Eltern verunsichert seien, raten sie ihren Kindern, möglichst lange zur Schule zu gehen, weiß der Experte. Dabei gäbe es noch freie Ausbildungsplätze. Nicht immer sei eine lange Schulkarriere das Richtige.

Im Berufsinformationszentrum ist es voll. Wo sonst hauptsächlich Jungen und Mädchen sitzen, um sich zu orientieren, tummeln sich heute viele Mütter und Väter. „Heute ist es vielleicht das erste Mal, dass sich Kinder und Eltern gemeinsam mit dem Thema beschäftigen“, sagt Birgit Günther von der Agentur für Arbeit.

Marina Sticksel und Katharina Krück sind jedoch alleine gekommen. Die Schülerinnen aus dem Rodgau machen 2013 ihr Abitur und wollen frühzeitig überlegen, wie es danach weitergehen soll. „Wir haben noch gar keine Ahnung“, sagen sie. Dass sie nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten wollen, ist für beide allerdings klar. Dennoch werden sie die Meinung ihrer Eltern einholen, wenn es soweit ist.

An einem Tisch sitzt Evi Schindler-Lang vom psychologischen Dienst. Sie bietet Eignungstests an und unterstützt die Schulabgänger bei der Berufswahl. Hier setzen Unentschlossene auf einen Test, um herauszufinden, ob ihr Traumberuf ihren Fähigkeiten entspricht. Zu Evi Schindler-Lang und ihren Kollegen kommen sowohl Abiturienten als auch Schulabbrecher. „Alle fragen sich das gleiche“, sagt die Expertin. Nämlich: „Wie finde ich meinen Platz im Berufsleben.“

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