Wenn Ponys Schule machen

Schüler lernen im Sportunterricht auf dem Goldockerhof Reiten

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Die Viertklässler der Ernst-Reuter-Schule gehen einmal die Woche zum Reiten auf den Goldockerhof. Das freiwillige Angebot erfolgt parallel zum normalen Sportunterricht.

Offenbach - Schulunterricht auf dem Ponyrücken? Was nach einem Traum vieler Kinder klingt, wird für Ernst-Reuter-Schüler wahr. In der vierten Klasse können sie Reiten als Schulsportangebot wählen. Von Veronika Schade 

Möglich macht das eine Kooperation zwischen Förderverein, dem Reit- und Fahrverein Rumpenheim und dem Gold-ockerhof. Unsere Zeitung war bei einer Reitstunde dabei. Paddy hat weiche Nüstern, eine flauschige Mähne – und eine Engelsgeduld. Vier Kinder wuseln um das Pony, bürsten es, kratzen die Hufe aus, ziehen Stroh aus dem Schweif. Lehrerin Norma Brehm achtet darauf, dass sie alles richtig machen, hilft beim Satteln und Zäumen. Eins wird sofort klar: Zum Reiten als Schulfach gehört viel mehr als nur auf dem Pferd zu sitzen. Pünktlich am Donnerstagmorgen um acht Uhr sind acht Kinder auf dem Rumpenheimer Goldockerhof angekommen. Davor haben sie einen gemeinsamen fast zwei Kilometer langen Fußmarsch von der Ernst-Reuter-Schule absolviert, mussten früher aufstehen als sonst. Aber das ist es ihnen wert. Der Umgang mit den Ponys ist für sie etwas ganz Besonderes. „Die Kinder lieben es – auch die Jungs. Disziplinarprobleme gibt es hier im Stall nie“, freut sich Brehm, die das Reitprojekt in die Wege geleitet hat.

Als Lehrerin an der Ernst-Reuter-Schule, Mitglied des Schul-Förderkreises sowie Vorsitzende des Reit- und Fahrvereins Rumpenheim lag der Gedanke für sie nahe, Schüler an den Reitsport heranzuführen. Aufgeschlossen für diese Idee war Schulleiterin Sabine Henning, die selbst erfahrene Reiterin ist. Als der Goldockerhof in neue Hände kam (wir berichteten), fragten sie bei Reitschul-Inhaberin Alexandra Röder an – mit Erfolg. Seit September gehen 40 Viertklässler der Ernst-Reuter-Schule zum Reiten. Sie ist damit die einzige Offenbacher Schule mit einem solchen Angebot.

Mit Konzentration und Spaß: Lehrerin Norma Brehm und die Schülerinnen Annika und Muskaan mit Pony Paddy.

Die Teilnahme ist freiwillig und erfolgt parallel zum regulären Sportunterricht. Jeweils acht Kinder sind bei einer Reitstunde dabei, teilen sich zwei Ponys. Nach einem Rotationssystem sollen am Ende des Schuljahres alle 40 Kinder acht bis zehn Mal im Stall gewesen sein. Für mehr reichen die Kapazitäten nicht – personell wie finanziell. Nur die Kombination von Mitteln des Fördervereins sowie städtischer Ganztagsmittel macht das Angebot überhaupt möglich, ein Helmhersteller stiftete zudem acht Reithelme. Pro Doppelstunde fällt pro Kind ein Eigenanteil von 2,50 Euro an. Die Resonanz ist groß: Fast drei Viertel der Schüler aus den vierten Klasse nehmen teil.

Da Reiten gemeinhin mit einer gehobenen Klientel verknüpft wird, liegt Schulleiterin Henning viel daran, es auf diese Weise allen Kindern zugänglich zu machen. „Die Reitgruppen bilden in ihrer Zusammensetzung die ganze Schule ab“, freut sie sich.

Noten gibt es indes nicht. Dafür stehen andere Dinge im Vordergrund – das spielerische Erlernen des sicheren Umgangs mit Pferden, die Haltung, die Freude an der neuen Bewegungsart. Und Aspekte, die den Reitsport und Unterricht mit Pferden einzigartig machen: das Zusammenspiel mit einem anderen Lebewesen, erlebter und praktizierter Tier- und Naturschutz, Verantwortung und Sorgfalt für den vierbeinigen Partner. Und das Gefühl, vom Klassenzimmer plötzlich in eine andere, ländliche Welt zu kommen. „Sie lernen hier mit allen Sinnen“, sagt Brehm.

Rumpenheimer Goldockerhof: Bilder

Einige der Kinder saßen schon auf dem Pferderücken, für andere ist das völlig neu. Der zehnjährige Malik ist zum zweiten Mal dabei. „Machen wir heute Galopp?“, fragt er erwartungsfroh. „Nein, dafür müsstet ihr viel länger üben, aber wir werden traben“, verspricht ihm die Lehrerin. Das Aufsteigen wurde, um den Pferderücken zu schonen, vorher am Holzpferd geübt. Die Kinder wechseln sich beim Reiten und Führen ab, absolvieren Koordinations-Aufgaben, nehmen etwa vom Pferderücken aus einen Hufkratzer von der Hallenbande, um ihn an anderer Stelle wieder abzusetzen. Es geht im Schritt über Stangen und auf enge Kreislinien, schließlich wird einige Meter getrabt. Die Gesichter der Kinder sind hochgradig konzentriert – und glücklich.

„Das macht sehr viel Spaß“, sagt Thalia, die anderen Kinder teilen diese Meinung. Die braven Ponys Paddy und Dorothy meistern ihre Aufgabe ohne ein Ohrenzucken, ernten dafür jede Menge Streicheleinheiten. „Sensationell wäre ein Fortgeschrittenenkurs, wo wir die Kinder dann auch an die Longe nehmen können“, sagt Brehm. Das hängt von den Fördermitteln ab. Eine Ausweitung des Angebots auf die fünften Klassen ist fürs kommende Schuljahr geplant. Und bereits jetzt gibt es für die dritten und fünften Klassen die freiwillige Nachmittags-AG „Ponys und Reiten“.

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