Wenn das Salz versagt

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Dieser Radler lacht noch, anderen ist die entspannte Haltung dem Eis gegenüber längst vergangenen. Wie hier vor der Leibnizschule kommt es täglich zu gefährlichen Situationen.

Offenbach ‐ Eine Eisbahn vor der Leibnizschule, eine am Bürgeler Maindamm, eine in Tempelsee. Eine an fast jeder Ecke. Offenbach könnte als Eisbahnhauptstadt der Republik zu einiger Berühmtheit kommen, wenn es alle seine hoffnungslos vereisten Straßen zu Spaßsportarealen umwidmen würde. Aber es bleibt, natürlich, beim Konjunktiv. Von Marcus Reinsch

Denn die infrastrukturelle Utopie ist nicht mehr und nicht weniger als ein Alptraum für jeden Offenbacher, der arbeiten, einkaufen oder auch nur mit dem Hund raus muss.

Von Spaß kann in weiten Teilen der Stadt längst keine Rede mehr sein. Das Eis beherrscht alles. Die Bürger rutschen, schlittern, fangen sich blaue Flecken, geprellte Steißbeine und die Erkenntnis ein, dass auch Winterreifen keine Garantie für eine unfallfreie Fahrt sind. Viele trauen sich kaum noch aus den Häusern. Vor allem nicht aus denen in Nebenstraßen. Denn die tauchen in der Prioritätenliste, nach der der Stadtdienstleister ESO seinen Winterdienst leistet, ganz unten auf. Erst sind die wichtigsten Verkehrswege - Berliner Straße, Bieberer Straße, Ringe, sonstige Ein- und Ausfallachsen - an der Reihe, damit der Verkehr nicht zusammenbricht. In Wohngebieten, bei denen der ESO nicht in der Pflicht ist, wird nur gestreut, falls noch Zeit und Material ist.

Glücksfall, dass Kind nicht unter Auto rutschte

Auch in anderen Kommunen sind die Straßen spiegelglatt. Die Hügelstraße in Dietzenbach wurde nun gesperrt.

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Das ist das Problem. Im eisigen Würgegriff des Winters bleibt dem Winterdienst kaum Zeit oder Material. Welche Folgen das haben kann, hat unser Leser Thomas R. beschrieben, nachdem er ein Erlebnis vor dem Neubau der Leibnizschule in der Brandsbornstraße verdaut hatte. Es war am Dienstag gegen 7.30 Uhr. „Sehr viele Schulkinder laufen dorthin oder fahren sogar mit dem Fahrrad auf der spiegelglatten Straße“, berichtet er. „Mir kam ein Fahrzeug entgegen, neben dem ein Schulkind mit dem Fahrrad fuhr. Plötzlich stürzte es, und es war ein reiner Glücksfall, dass es nicht unter das Auto rutschte.“

Es sei, schreibt R., „unerklärlich, dass der Winterdienst des ESO dort nicht nach dem Rechten sieht. Und ich kann auch nicht verstehen, dass sich offensichtlich die Schulleitung um so etwas nicht kümmert. Das hat nichts mit behördlichen Pflichten oder Zuständigkeiten zu tun, sondern lediglich etwas mit dem gesunden Verantwortungsgefühl. Muss immer erst etwas Schreckliches passieren, bevor in solch einer brisanten Straße gestreut wird?“

Salz bleibt für den privaten Einsatz auf Gehwegen verboten

Nein, sagt Christian Loose vom Kaufmännischen Projektmanagement des ESO. „Sobald Kapazitäten frei sind, gehen wir in kleinere Seitenstraßen. Und wir sind unterwegs und kontrollieren. Die Gehwege vor Privatgebäuden müssen die Eigentümer von Schnee und Eis befreien, die vor Schulen und anderen Einrichtungen die Hausmeister. Und wir sind bemüht, das auch auf den Straßen hinzukriegen.“

Einfach sei das nicht. Das Tausalz habe zwar gereicht, und nun treffe wohl auch eine schon am 2. Januar bestellte 24-Tonnen-Lieferung ein. Doch „wenn es so kalt ist wie jetzt, verliert das Tausalz seine Wirkung.“ Ausschließlich Salz zu streuen, das führe nur zu einem Antauen der Eisoberfläche, die aber schnell wieder gefriere und dann erst richtig glatt sei. „Deshalb mischen wir mit Splitt, um auch eine abstumpfende Wirkung zu haben“, sagt Loose.

In Nebenstraßen bleibe es in jedem Fall elementar, „äußerste Vorsicht walten zu lassen“. Splitt könne sich jeder Bürger aus der frei zugänglichen Box in der Einfahrt zum ESO-Betriebsgelände an der Daimlerstraße nehmen - in haushaltsüblichen Mengen. Salz hingegen bleibe für den privaten Einsatz auf Gehwegen verboten.

Das wiederum ist vielen Bürgern offensichtlich schnuppe. Die Baumärkte sind in Sachen Streusalz wie leergefegt, und selbst die Speisesalzvorräte in Supermärkten sind nicht üppig oder hinüber. Das Papier der einschlägigen Offenbacher Satzung scheint geduldiger zu sein als die Offenbacher. Dazu sagt Christian Loose nichts. Und es wäre in diesen Tagen wohl auch kaum zu vermitteln, wenn ein Amt die Vorschriften-Keule gegen jene schwingen würde, die in spiegelglatten Seitenstraßen sowieso schon alle paar Meter straucheln.

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