Werk ist wieder zu Hause

+
Der Künstlerkopf

Offenbach - „Ein toller Tag für die kulturelle Identität unserer Stadt!“ rief Oberbürgermeister Horst Schneider zur Präsentation der aus Hohentengen an der Schweizer Grenze nach Offenbach gekommenen Sammlung der Familie Martin aus. Und fuhr fort: „Das Lebenswerk des Malers Erich Martin, des verlorenen Sohns Offenbachs, kehrt an seinen Entstehungsort zurück, wird hier gesichert und sichtbar gemacht.“ Von Reinhold Gries

Durch den Auszug der Bildstelle ist Fläche im Bernardbau frei geworden, um Erich Martins Werk im Kontext der Bachstraße würdig ausstellen zu können. Bis Ende des Jahres soll eine eigene Abteilung für Klassische Moderne um Martins Werke eingerichtet werden. „Dazu haben wir einen Kurator verpflichtet, der sich auch um die 8000 Werke unserer Kunst- und grafischen Sammlung kümmert“.

Werke, die jetzt im Haus der Stadtgeschichte (Herrnstraße 58) zu sehen sind

Derweil gibt bis zum 19. Juli eine aus über 80 Werken bestehende Retrospektive im „Haus der Stadtgeschichte“ erstmals Einblick in das mehr als 300 Nummern umfassende Gesamtwerk des bedeutenden Offenbacher Künstler, der 1905 in Büdingen geboren wurde, in Offenbach lebte und arbeitete und 1977 starb.

Diese Ausstellung ist möglich, weil sich Sohn Peter Martin von der von ihm begründeten Stiftung Hohentengen getrennt und für die Familie Martin die Transferierung der Öl- und Temperabilder, Zeichnungen und Drucke, Skizzen und Dokumente nach Offenbach ermöglicht hat. Martins Unterschrift unter dem Dauerleihvertrag bestätigt für die Erben auch die Vereinbarung, dass die Stiftung nach deren Ableben in den Besitz der Stadt Offenbach übergeht. Das wäre das drittgrößte Kulturerbe Offenbachs im 20. Jahrhundert nach der berühmten Ledersammlung Hugo Eberhardts (Deutsches Ledermuseum) und dem Nachlass Gebr. Klingspor/Rudolf Koch (Klingspormuseum).

Bescheiden und sarkastisch

Damit geht ein umkämpftes Kapitel um Martins Lebenswerk zu Ende, das Gerichte, Anwälte, Presse, Rathaus und Mitarbeiter des Hauses der Stadtgeschichte seit Jahren intensiv beschäftigt. Die leidvolle Trauerarbeit der Erben passt so recht ins Bild von Erich Martin, das Schriftsteller Dieter Leisegang im HR-Filmporträt von 1969 in der Sendereihe „Gescheiterte Künstler - dargestellt am Beispiel Erich Martin“ - zeichnete. Neben dem künstlerischen Werk, in die Nachfolge von Paul Klee und Ernst Wilhelm Nay gestellt, ist in der Industriehalle zu sehen und zu hören, wie sich Martin jeglicher Vermarktung und jeder Kunstmode verweigerte. „Ich habe nichts zu sagen, jeder soll sich über meine Kunst seine eigene Meinung bilden. Wo ich künstlerisch angekommen bin, werde ich bleiben“, bekennt der bescheidene „Stille im Lande“, um später bei einer TV-Debatte sarkastisch nachzuschieben: „Wenn ihr mit meinem Werk nichts anzufangen wisst, dann werft‘s halt in den Main.“

Dass die Hochkaräter nun nicht im, sondern am Main landen, ist letztlich Peter Martin zu verdanken, der nach dem Tode des Vaters dessen vor der Zersplitterung stehendes Lebenswerk aus Offenbach abholte, um es der Kunstnachwelt zu erhalten. Sein Vater hatte ihm gesagt: „Ein Werk gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn es zusammenbleibt.“ Als Treuhänder seiner „Stiftung Hohentengen“ mietete er zur Aufbewahrung eine Wohnung an, während sich Martin-Tochter Marianne Reinke hintangesetzt fühlte. Allerdings sprach auch sie sich in einem Brief an Dr. Jürgen Eichenauer, den Leiter des Hauses der Stadtgeschichte, für die Überführung des väterlichen Werkes in ihre Geburtsstadt aus.

Die Heimkehr der Sammlung

Bei der BOK-Vernissage im Herbst 2005 zum 100. Geburtstag Erich Martins kulminierten innerfamiliäre Konflikte. Ein Schlüsselwerk von 1930 verschwand, um wenig später in die Hände der Aussteller zurückzukehren. Bei der gleichen Vernissage bahnten sich auch erste Gespräche um die mögliche Überführung des Martin-Lebenswerkes nach Offenbach an. Nach Artikeln in unserer Zeitung wurde der Martin-Nachlass in der Politik zum Thema, OB Schneider erklärte das Ganze zur „Chefsache“, kritisch assistiert vom Ex-Kulturdezernenten Ferdinand Walther, der Erich Martin aus eigenem Erleben kennt. Auch der zum Warten gezwungene Museumsleiter Eichenauer nahm das Geschehen nach Absprache in die eigene Hand und organisierte die Heimkehr der Sammlung.

Werke, die jetzt im Haus der Stadtgeschichte (Herrnstraße 58) zu sehen sind 

 Die „Stiftung Hohentengen“ wurde also nicht dem Städel oder Hessischen Landesmuseum Darmstadt übergeben, wo sich Martin-Hauptwerke wie der „Vogelbaum“ und „Spanienzyklus“ befinden. Dafür hätte es Gründe gegeben, denn Martin war nicht nur Mitbegründer des „Bundes Offenbacher Künstler“ (1926), sondern auch der „Darmstädter Gruppe“ (1931), der „Frankfurter Sezession“ (1953) und der „Darmstädter Neuen Sezession“. Dazu nahm der erste Offenbacher „Abstrakte“ und für den Büchner-Preis vorgeschlagene Kopf der „Künstlerkolonie Bachstraße“ 1954 bis ‘56 als einziger Künstler der Region an der „Großen Kunstausstellung“ im Münchener Haus der Kunst teil. Auch eine Nachkriegsansprache in Radio Frankfurt (heute HR) verschaffte Martin überregionale Reputation.

Ein Blick in die Ausstellung

Der Blick in die Ausstellung, von Hilke Portwich vorbereitet und von Dorothea Held kuratiert, unterstreicht die Bedeutung des Offenbacher Kulturerbes: Martins Arbeiten aus den 20ern, entstanden während des Studiums bei Prof. Throll an der Offenbacher Kunstgewerbeschule (heute HfG) und der Hanauer Zeichenakademie. Die ab 1930 beginnende kubistisch-abstrakte Kunstsprache, repräsentiert durch die einzig erhaltenen Bilder, die Martin 1933 bei seiner Auslöschungsaktion nicht zerstörte. Unverfänglich gegenständliche Offenbacher Ansichten, Stillleben und Landschaften der NS-Zeit, 1937 unterbrochen vom erschütternden „Spanienzyklus“ zum Bürgerkrieg. Christliche Motive aus der Nachkriegszeit; bei der „Quadriga“ in der Frankfurter „Zimmergalerie Franck“ ausgestellte Zeichnungen bis 1952; organisch wachsende und expressive Bildfigurationen aus Frankfurter Sezessionsausstellungen von 1953 bis 1966. Die überragenden Tempera- und Ölbilder aus den 60ern und 70ern, subtil facettiert, glühend wie Glasfenster, vibrierend wie Mosaike.

Martins von Bach, Mozart oder Schönberg inspirierten lyrischen Farbfugen und feinsinnig orchestrierten Farbsymphonien, in ihrer Zeit ohne Beispiel in Deutschland, fanden im Nachruf des Kunstmentors Dr. Kurt Kampf treffende Würdigung: „In seinen Bildern wird versucht, die Bereiche des rein Stofflichen zu verlassen, um in geistige Bezirke einzutreten.“

„Erich Martin (1905-77) - Eine Retrospektive“ im Haus der Stadtgeschichte bis 19.7.; offen Di, Do, Fr 10-17 Uhr, Mi 14-19 Uhr, Sa, So 11-16 Uhr.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare