Die etwas andere WG

Eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke

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Im Alltag angekommen: Die Wohngemeinschaft kocht mit den Betreuerinnen Angela Hagel und Manuela Bayerl ihr Mittagessen.

Offenbach - Der Duft von frischer Gemüsesuppe erfüllt die Luft. Zwei ältere Damen rühren noch im Topf, während andere schon am Tisch Platz genommen haben und eine erwartungsvoll in den Raum ruft: „Jetzt habe ich aber Hunger!“ Von Veronika Schade 

Eine Szene, die sich in jeder Wohngemeinschaft abspielen könnte. Doch diese ist keine gewöhnliche WG. Alle ihre Mitglieder sind an Demenz erkrankt. Die versammelten fünf Frauen sind die ersten Mieterinnen, die sich an der Geleitsstraße 94 häuslich eingerichtet haben. Die Frankfurter Hans-und-Ilse Breuer-Stiftung, die sich der Alzheimer-Forschung widmet, hat die Gründerzeitvilla aufwändig saniert und zu einer Begegnungs- und Informationsstätte rund ums Thema Demenz umgebaut – dem „StattHaus“. Im Obergeschoss des Hauses leben künftig neun Menschen mit Demenz in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft. Diese Art der Begleitung von Betroffenen als Alternative zum herkömmlichen Pflegeheim ist in Offenbach bisher einmalig und hat mit den anderen Angeboten des „StattHauses“ Modellcharakter fürs ganze Rhein-Main-Gebiet.

Entsprechend gespannt waren die Beteiligten auf den Einzug. Sozialarbeiterin und Projektleiterin Jutta Burgholte-Niemitz, ihre Mitarbeiterin Tanja Sand und die Angehörigen haben eine anderthalbjährige Planungszeit hinter sich. „Es war eine kleine Herausforderung, die alle Beteiligten super gemeistert haben“, schmunzelt Sand. Die Bewohner, sieben Frauen und zwei Männer im Alter von Anfang 60 bis 92 Jahren, sollen ihren Alltag weitestgehend selbst gestalten – ob Einkaufen, Kochen, Spazieren gehen oder gemeinsam Kaffee trinken.

Großer Unterschied zum Heim

„Das ist ein Unterschied zum Heim, wo den Menschen ihr Alltag vorgegeben wird und sie selbst passiv bleiben“, erklärt sie. „Hier kommt das Essen nicht von selbst immer zur selben Uhrzeit auf den Tisch.“ Dennoch sind für die Bewohner feste Tagesstrukturen sehr wichtig. „Die bekommen sie auch“, sagt Burgholte-Niemitz. „Aber ihre Kompetenzen werden dabei abgefragt und gefordert.“ Rund um die Uhr sind ambulante Pflegekräfte anwesend, die sie unterstützen. Jederzeit können die Angehörigen zu Besuch kommen, alle haben einen Schlüssel. Sie sind es, die gemeinsam mit dem Pflegeteam konkrete Dinge organisieren: Welchen Speiseplan gibt es nächste Woche? Wer macht sauber? Und wer holt die Putzmittel?

In vergleichbaren WGs habe sich herausgestellt, wie sehr die Erkrankten von dieser Art des Umgangs profitieren. Selbst wieder Dinge tun zu dürfen, sogar so einfache wie eine Spülmaschine einzuräumen, gibt ihnen Selbstbewusstsein und ein Gefühl des Gebraucht-Werdens. „Diese Wohnform weckt Emotionen“, sagt die Projektleiterin. Die Demenz schreite langsamer voran, das Verhalten werde unauffälliger, es komme seltener zu Stürzen. Das hat seinen Preis. Etwa 2300 Euro kostet ein Zimmer im „StattHaus“ pro Monat. „Wir hatten 40 bis 50 Interessenten“, erinnert sich Sand, „es gab viele Ab- und Zugänge.“ Am Ende sei es mit neun Mietern genau aufgegangen. Einige kommen aus einem Pflegeheim, andere wohnten noch zuhause.

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens

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Für alle ist die Situation neu und ungewohnt. Trotzdem wirkt die WG schon nach wenigen Tagen harmonisch. „Die Mieter sind sehr unerschrocken“, freut sich Sand. Die Betreuerinnen Angela Hagel und Manuela Bayerl, erfahrene Pflegekräfte, behalten alles im Blick. Ankommen lautet die Devise – für alle: „Wir fangen die Mieter auf, finden heraus, was den einzelnen gut tut, beschäftigen sie.“ Die Bedürfnisse und Charaktere seien unterschiedlich. Nach den ersten Wochen ziehen sie ein positives Fazit. Bayerl: „Der Freiraum, der hier existiert, ist in einem Heim nicht möglich. Dort muss alles schnell funktionieren. Diese Arbeit ist viel befriedigender.“ Und was meinen die Bewohner? „Ich fühle mich gut“, sagt Frau P. „Die Gesellschaft ist schön, aber wenn ich will, kann ich mich zurückziehen.“ Vorher habe sie sich zuhause gewisse Sachen nicht mehr getraut, die sie nun wieder anpacke. Kochen zum Beispiel. „Ich habe nur noch aufgetaut, nichts Kompliziertes gemacht.“

Weitere Infos:

www.breuerstiftung.de/statthaus-offenbach/

Auch Frau R. ist zufrieden. „Hier ist immer was los“, sagt die alte Dame und lobt die „interessante Wohnmöglichkeit“. Sie freue sich, ihr Zimmer schön mit eigenen Möbeln eingerichtet zu haben, und genieße es, zu lesen und in den Park am Haus zu gehen. Ihre Tochter ist erleichtert: „Zwei Jahre lang habe ich nach einem solchen Platz für sie gesucht und nichts Vergleichbares gefunden. Ich bin dankbar und glücklich, dass es so etwas gibt.“ Sie hofft, dass ihre kreative und intelligente Mutter im neuen Zuhause wieder aufblüht.

Das „StattHaus“ sucht Paten, die Lust haben, Zeit mit den Bewohnern zu verbringen, spazieren zu gehen, Ausflüge zum Markt oder ins Museum zu machen, vorzulesen oder sich zu unterhalten.

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