So wichtig wie zu Beginn

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Der Freundeskreis Lauterborn feiert im Oktober sein 35-jähriges Bestehen. Die Helfer bringen auch heute noch sehr viel Freude in den Alltag der Bewohner des Altenheims St. Ludwig.

Offenbach - Hinter der Wendeschleife des Busses 106 an der Caritas, Haltestelle Buchrainweiher, wird es ruhig. Von dort aus ist man gleich im Stadtwald, in den gepflegten Anlagen rauschen die Parkbäume, man hat den Eindruck einer Idylle. Von Ernst Buchholz

Ein bisschen zu ruhig vielleicht? Manche Bewohner der Häuser fühlen sich abgeschoben, ausgegrenzt von dem pulsierenden Leben, das sie aus der Zeit vor ihrem Aufenthalt im Heim gekannt haben. Ein ambivalentes Verhältnis zum eigenen Dasein, einerseits das Bedürfnis nach Ruhe, andererseits der Wunsch, noch am normalen Leben Anteil zu haben.

„Wir sind so allein“

Vor 35 Jahren im Herbst kam Erhard Holzapfel, der durch Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselt war, auf die Idee, in der evangelischen Lauterborngemeinde anzufragen, ob nicht von dort aus öfter Besuche im Altenheim St. Ludwig möglich wären. „Wir sind so allein.“ Antwort kam prompt. Die damalige Gemeindepädagogin Helga Walther war schnell von der Idee begeistert, und so bildete sich die Gruppe Freundeskreis Lauterborn.

Eins der Gründungmitglieder, Gudrun Arndt, ist noch heute dabei. Im Rollstuhl zwar, aber jeden Donnerstag ab 15 Uhr unverdrossen, auch wenn sie manchmal keinen Appetit auf Kaffee und Kuchen hat. „Wir organisieren unsere Nachmittage“, sagt Vira Vollmer, die als Leiterin die Arbeit des Freundeskreises fortgesetzt hat. Fünf „Teamer“ – das sind neben Vira Vollmer noch Gisela Lohwasser, Charlotte Lachnit, Prahmod Mhalas und Ini Reuter – kümmern sich darum, dass Ältere und Rollstuhlfahrer aus ihren Zimmern abgeholt werden.

„Bei den Ausflügen brauchen wir auch ,Schieber’, die die Rollis beim Besuch des Weihnachtsmarkts begleiten.“ Das Wichtigste ist allen, dass die Teilnehmer nicht in Lethargie versinken. Und das gelingt. Da der Freundeskreis kein Verein, sondern eine offene Gruppe ist, können die Heimbewohner je nach Lust und Laune auch einmal fernbleiben. „Es wird keiner gezwungen.“ Dafür gibt es ein festes Programm, das schon im Voraus die Aktivitäten bekannt gibt.

Ein Stück Normalität

Am Donnerstag, 11. Oktober, wird das 35-jährige Bestehen der Gruppe mit geladenen Gästen gefeiert. Aus einer ökumenischen Initiative ist eine dauerhafte Einrichtung geworden. Damals wurde sie unterstützt von Pfarrer Rainer Müller. Der Ferdinand-Kallab-Preis von 1997 war offizielle Anerkennung des Freundeskreises. Heute ist Erik Schmekel, Leiter des Caritaszentrums an der Schumannstraße, dankbar für die aktive Unterstützung der Arbeit in St. Ludwig.

So gibt es Veranstaltungen unter anderem zum Gedächtnistraining, Gymnastik, aber auch Reden über den Tag der Deutschen Einheit und Spaziergänge sowie Eisessen. Da müssen Rollstühle und Schieber organisiert werden. Aber auch Demonstrationen zum Wohl der Rollstuhlfahrer hat die Gruppe veranstaltet. So standen sie 1984 vor dem Busdepot und forderten Niederflurbusse, in die man auch leichter mit dem Rollstuhl einsteigen konnte. Heute gibt es sie in Offenbach. Das bunte Herzensfenster der Lauterbornkirche geht auf einen Entwurf der Behindertengruppe zurück. „Es ist uns ein Herzensanliegen“, so Vira Vollmer, „den Heimbewohnern Anregungen und Freude zu vermitteln. Das macht uns selbst dankbar.“

So wird das Programm des Freundeskreises von dem Leitgedanken getragen, ein Stück Normalität im Altenpflegeheim zu praktizieren. Deswegen werden die Mitglieder zur Planung herangezogen. Das geht ganz einfach. Vor einer Woche haben sie sich über die Spiele unterhalten, die sie selbst als Kind gespielt haben. Und diese Woche bringt eine Teilnehmerin ein Wollknäuel mit und besteht darauf, dass „Abnehmen“ gespielt wird. Es ist das alte Spiel mit dem gespannten Faden über gespreizten Fingern, wo das Fadenmosaik jeweils abgenommen wird, bis komplizierte Muster entstehen.

Erinnerungen, die geteilt werden können

Gleich erzählt eine ältere Dame, dass sie aus Breslau komme, aber lange in Köthen gelebt habe. „Eine wunderschöne Stadt!“ Jeder Anlass weckt Erinnerungen, die andere teilen können. „Sondern Sie sich nicht so ab“, wird der Gast ermahnt. Alle warten gespannt bis Vira sich wieder unter die Gruppe mischt.

Eine junge Kenianerin, die Stühle anschleppt, wird vielstimmig verabschiedet. Es ist ihr letzter Arbeitstag. Manche Reiseberichte von Urlaubern werden gern als Diavorträge wiederholt. Zu spüren ist die Freude, die diese Aktivitäten den Heimbewohnern bereiten. Am Dienstag kommt Ernst Schneider mit seiner Klampfe. Dann werden gemeinsam Lieder gesungen, mit allen Strophen, versteht sich.

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