Mehr Anfragen als je zuvor  

Wie die Reitschule auf dem Goldockerhof in Offenbach die Corona-Krise meistert

Goldockerhof-Chefin Alexandra Röder mit dem jungen, noch in Ausbildung befindlichen Schulpferd Gol und seinem hölzernen Kollegen im improvisierten Kursraum, der infolge der Corona-Auflagen aus einem geplanten Ponystall entstanden ist. Der Reitbetrieb ist wieder in vollem Gange.
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Goldockerhof-Chefin Alexandra Röder mit dem jungen, noch in Ausbildung befindlichen Schulpferd Gol und seinem hölzernen Kollegen im improvisierten Kursraum, der infolge der Corona-Auflagen aus einem geplanten Ponystall entstanden ist. Der Reitbetrieb ist wieder in vollem Gange.

Ponys schnauben, Kinder wuseln durch die Stallgasse, kratzen Hufe aus, satteln. Auf dem Rumpenheimer Goldockerhof bietet sich auch in Corona-Zeiten ein wohltuend alltägliches Bild. Aber eine Sache ist doch anders: Die Reitschüler tragen Masken. Auf dem Pferd dürfen sie diese dann absetzen. „Auf unserem Gelände gelten die Regeln für Sportanlagen“, erläutert Inhaberin Alexandra Röder. Mit ihrem Team ist es ihr gelungen, den Reitschulbetrieb wieder hochzufahren. Doch dafür waren Improvisationstalent, Kreativität und langer Atem gefragt.

Offenbach – Von einem Tag auf den anderen war im März kein Reitunterricht mehr möglich. Erst Mitte Mai durften die Schüler zurückkehren. Aber Pferde und Ponys zwei Monate lang einfach irgendwo zu parken, geht natürlich nicht. „Wir haben nur im März Kurzarbeit gemacht und beschlossen dann, die Zeit zu nutzen, um die Pferde weiter auszubilden“, erzählt die Chefin. Die Schulpferde durften Sachen machen, die sonst zu kurz kommen: Freispringen, Longieren, Training durch die Reitlehrerinnen und Gewöhnung an Pfeile fürs berittene Bogenschießen. „Das hat ihnen richtig gut getan und sie motiviert“, freut sich Röder. Auch einige neue Tiere hat sie in dieser Zeit erworben, darunter junge Pferde, die erst noch angeritten werden. Ihr Ziel ist, den künftigen Schulpferdebestand selbst auszubilden. Zur Reitschule gehören 21 Pferde und Ponys. Röder wird von zwei Trainerinnen, zwei Trainerassistentinnen und einer Praktikantin unterstützt.

Doch auch ohne Reitschüler liefen die Kosten weiter: die Tiere brauchen Futter, der Hof muss in Schuss gehalten werden. „Wir haben für jede ausgefallene Reitstunde einen Gutschein ausgestellt und weiterhin Zehnerkarten verkauft“, erläutert die Inhaberin. So kam der finanzielle Verlust nicht schlagartig auf einmal, sondern verteilt sich. „Das holt uns dann im Nachhinein ein.“ Trotzdem ist sie zuversichtlich: „Wir hatten schon immer viele Anfragen, aber jetzt sind es mehr als je zuvor.“ Sogar die Kurse in den Weihnachtsferien seien bereits gut ausgebucht.

Es zu ermöglichen, dass nach der Zwangspause wieder Kinder kommen können, sei eine Menge Arbeit gewesen. Immer wieder hätten sich die Bedingungen und Vorgaben geändert. „Wir haben vom hessischen Pferdesportverband ein eineinhalbseitiges Schreiben mit Auflagen erhalten. Zum Beispiel, Anwesenheitslisten mit genauen Zeitangaben zu führen.“ Erst später habe sich gezeigt, dass vieles lediglich Empfehlungen seien. Ein unklarer Punkt etwa war, ob eine Reithalle als Innenraum oder Freifläche gewertet wird – dies ist aber entscheidend für die Anzahl von Reitschülern pro Gruppenstunde. „Wir haben ewig umhertelefoniert, um Gruppen auseinander zu sortieren und neu aufzuteilen, es war organisatorisch ein Riesenaufwand.“

Auch ganz praktische Lösungen zum Einhalten der Hygiene- und Abstandsregeln mussten gefunden werden. Etwa für die Theoriestunden, für die sich das geschlossene Büro nicht mehr eignete. So wurde kurzerhand ein geplanter Offenstall für Ponys zur Unterrichtsfläche umfunktioniert, Bierbänke und Tische, ein Holzpferd und Flipchart reingestellt. So können Reitschüler mit genügend Abstand dort sitzen, sind durch eine offene Seite quasi an der frischen Luft, haben aber trotzdem ein Dach über den Kopf. Auch ein Reitplatz wurde neu eingezäunt, um auch unerfahrenen Reitern sicheres Reiten draußen zu ermöglichen.

Röder nutzte die Corona-Monate, um sich selbst weiterzubilden, legte mit Auszeichnung ihre Prüfung zur Pferdewirtin ab, arbeitet nun auf den Meister hin. Doch die ganz große Herausforderung, der sie sich auch mehr als drei Jahre nach dem Erwerb des heruntergewirtschafteten Goldockerhofs stellen muss, bleibt die Renovierung des Anwesens. Von außen fallen Besuchern als erstes die Solaranlagen auf den Dächern auf. Der dort erzeugte Strom wird an die EVO eingespeist und reicht für die Versorgung von 500 bis 1000 Haushalten im Jahr.

Die Reithallen haben neue Böden, das vom Vorbesitzer errichtete, nicht genehmigte Kraftwerk ist zurückgebaut, die Heu- und Strohballen stapeln sich dank neuem Teleskoplader bis unters Hallendach, das Haupthaus hat neue Fenster. Die früheren Gaststättenräume sind entkernt. Eine künftige Nutzung als Restaurant ist nicht geplant. Röder will sich ausschließlich auf den Reitbetrieb konzentrieren, wünscht sich weitere Schulungs- und Kursräume sowie einen Aufenthaltsraum. In den oberen Etagen, die zwar entrümpelt, aber immer noch in einem desolaten Zustand sind, sollen Übernachtungsmöglichkeiten mit bis zu 20 Betten für externe Kursteilnehmer entstehen. Aber das ist Zukunftsmusik, wird noch viel Zeit und Geld brauchen. Und mehr Planungssicherheit – nach Corona...

Von Veronika Schade

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