Offenbacher Zaman erzählt seine Geschichte

„Wie kann man in diesem Land nur leben?“

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Kamruz Zaman. 

Offenbach - In Bangladesch stand Kamruz Zaman am Beginn einer universitären Laufbahn. Dann musste er fliehen. In Deutschland schrieb er ehrenamtlich Schulbücher in Bengali. Von Stefan Mangold

Auf Schulen der UNICEF und anderer NGOs (Nichtregierungsorganisationen) stehen die in den Lehrplänen. Vor sieben Jahren gründete Zaman in Offenbach den Verein „Bangladesh Child Education Developement Projekt“. Der finanziert in der Heimat Kindern aus armen Verhältnissen den Schulbesuch. In Bildung und Aufklärung sieht der Offenbacher den einzigen Schlüssel zur Rettung des Landes. Optimistisch wirkt der Mann nicht. Kamruz Zaman (53) erzählt von einer Reise. Mitte der 90er Jahre besuchte er zusammen mit seiner Frau, den beiden damals kleinen Kindern und einem befreundeten deutschen Ehepaar Bangladesch. Vom Flughafen der Hauptstadt Dhaka fuhr ein Kleinbus in die 200 Kilometer nordwestlich gelegene Millionenstadt Khulna. Nicht selten neigen deutsche Touristen dazu, in der Fremde das Chaos zu verklären. Zamans deutsche Freunde schwiegen zunächst. Es herrschte Krach und Gestank. Schließlich sagte die deutsche Frau, „wie kann man in diesem Land nur leben?“

Für Zaman, einst Dozent für Volkswirtschaft an der Universität in Khulna, stellte sich die Frage 1988 ganz konkret. Damals zog die Militärdiktatur die Zügel an. Seit der Staatsgründung von 1971 galt eine laizistische Verfassung. Jetzt wurde der Islam Staatsreligion. Wie es in einem Gefängnis aussieht, wusste Zaman. Als Mitglied der linken Studenten-Union landete er 1984 nach einer Demonstration für 16 Tage hinter Gittern. Vier Jahre später wollte die Polizei Zaman wieder verhaften. Auf seiner Flucht über Neu-Delhi und Budapest beantragte er in West-Berlin Asyl. Die akademische Karriere war zu Ende. Hierzulande schreien die volkswirtschaftlichen Fakultäten nicht nach Dozenten, die ein Seminar auf Bengali leiten können. Im Rhein-Main-Gebiet fahren nicht wenige, die in ihren Heimatländern zum Bildungsbürgertum gehörten, Taxi oder räumen Regale ein. Kamruz Zaman erledigte ähnliche Jobs. Zuletzt führte er in Offenbach ein bengalisches Restaurant. Wegen einer Artrose musste er das aufgeben.

Überbevölkerung ist das größte Problem

Als Staat existiert Bangladesch seit 1971. Bis dahin gehörte die Region politisch zu Pakistan. Zwischen den muslimischen Teilen West- und Ostpakistan lag Indien. Den Wahlsieg der linksnationalistischen Awami-Liga vom März 1971 in Ostpakistan kannte die Zentralregierung in Islamabad nicht an. Es kam zum Krieg, den Indien schließlich auf der Seite Ostpakistans militärisch zu Gunsten der bengalischen Separatisten entschied. Heute betreffen Bangladesch die meisten Probleme, die ein Land nur haben kann. Das drängendste sieht Zaman in der Überbevölkerung. Indien baute in den letzten Jahren einen 4000 Kilometer langen Grenzzaun. Offiziell um Terroristen abzuwehren. Faktisch wohl eher, „um die Flüchtlinge abzuhalten, wenn der große Knall kommt“. Wenn Seuchen und Kriegszustände zum Inferno führen.

Im Moment leben in Bangladesch, das mit 60 Prozent weniger Fläche als Deutschland auskommen muss, 156 Millionen Menschen – nach offiziellen Angaben. Schätzungen von NGOs gehen von 170 Millionen Einwohnern aus. Während der Regenzeit ist das Land zu fast einem Drittel überflutet. Amtlich wächst die Bevölkerung jährlich um 1,2 Prozent. Real vermutet Zaman 2,7 Prozent. Seit Jahren herrscht, dank der Textilindustrie, ein Wirtschaftswachstum von über sechs Prozent. Umweltschutz ist ein Fremdwort. Zaman erzählt von Gewässern, die Kloaken gleichen, von durch Müll verstopften Flüssen.

Die Hauptstadt Dhaka verfügte noch Anfang der 70er Jahre über ein Jahrhunderte altes Kanalsystem, das den Wasserstand regulierte und für Transportwege sorgte. Der Großteil ist zugeschüttet und verbaut. Tagsüber fließt der Verkehr im Schnitt mit drei Stundenkilometern durch die Straßen. „Wenn die Bevölkerung weiter wächst, bleibt bald alles stehen“, prognostiziert Zaman. Steigt außerdem der Meeresspiegel, wird die Lage vollends ausweglos. „Bangladesch bräuchte ein sofortiges Nullwachstum der Bevölkerung.“ Besser wäre eine Reduktion. Danach sieht es nicht aus. Über die existentiellen Probleme des Landes schweige die Politik: „Das Volk weiß nichts.“

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