Wieder quälende Ungewissheit

Offenbach/Hanau/Mühlheim - So wie Martin Schaus haben sich viele Roländer dieser Tage auf den schweren Weg zur Agentur für Arbeit gemacht. „Die Stellensuche wird sehr, sehr schwer“, sagt der 54-Jährige, der 22 Jahre beim insolventen Druckmaschinenhersteller „manroland“ gearbeitet hatte. Von Marc Kuhn

Nach der Zerschlagung des Unternehmens stehen mehr als 820 seiner einstigen Kollegen auf den Gehaltslisten einer neuen Firma. Über 950 Menschen sollen in einer Transfergesellschaft, die ab heute offiziell für sie zuständig ist, fit für andere Jobs gemacht werden. Die Arbeitsagentur will die Betroffenen vermitteln. Schaus ist skeptisch. „Viele Ältere werden keine Arbeit finden. “ Nicht nur die Situation auf dem Arbeitsmarkt sieht Schaus als eine Hürde für den Neuanfang an. Auch die Spezialisierung der ehemaligen Roländer auf die Druckmaschinen hält er für problematisch.

Dennoch; „Die ewig zermürbende Ungewissheit hat endlich ein Ende“, erklärt Schaus zunächst, als er sich an den Tag der Massenentlassungen bei „manroland“ erinnert. „Man stand zusammen, so wie man früher öfter mal hätte zusammenstehen sollen und bekam mit einem Händedruck und ein paar persönlichen Worten die Papiere, die einem sagten: Du wirst hier nicht mehr gebraucht.“ Und den direkten Vorgesetzten, denen man diese schwere Aufgabe aufgebürdet hatte, habe man angesehen, dass sie eigentlich überfordert waren. „Völlig gerötete Augen und den Tränen nahe.“ Dann der Blick in das Kuvert. „In dreifacher Ausfertigung der Vertrag für den Übergang in die neue Ungewissheit, in das neuerliche Warten mit ungewissem Ausgang. Schon wieder. Und fort ist diese Ahnung von Erleichterung.“

Starker Zusammenhalt unter den Mitarbeitern

Begeistert ist Schaus von der Solidarität der Mitarbeiter untereinander. „Die, die bleiben dürfen, wären am liebsten im Erdboden versunken.“ Trotzdem hätten alle zusammengehalten. „Kein Streit, toll.“

Enttäuscht ist Schaus dagegen vom früheren Management. „Nicht ein Dank“, sagt er, „dafür, dass man sich jahrzehntelang abgerackert hat und nicht einmal gute Wünsche für den weiteren Lebensweg. Einfach nichts.“ Beschämend sei diese Gewissheit „des nicht Anerkennens aus der Führungsriege“, erklärt Schaus. Diese habe sich in der Vergangenheit ohnehin stets gegenseitig misstraut. Dieses Verhalten habe auch zu der schwierigen Situation von „manroland“ geführt. An die Adresse seiner Ex-Chefs sagt Schaus: „Hoffentlich kann unsere egoistische Führungsriege noch in den Spiegel schauen, ohne zu erschaudern. Ich könnte es nicht,“

Mit Blick auf den Tag seiner Entlassung fügt er hinzu: „Du gehst auf Abschiedstour und bereust es gleich wieder.“ Warum? „Du sagst tschüss und wirst ungläubig gefragt: Du auch? Und dann schießen dem Kollegen die Tränen in die Augen, denn er bleibt.“ Er habe das Gefühl gehabt, ihn trösten zu müssen, sagt Schaus. „Man denkt, wäre ich doch besser nicht vorbeigekommen.“

Verunsicherung bei den da Gebliebenen

Monika Trautwein sieht die Situation gelassener. Als Elektronik-Montage-Helferin hat die Mühlheimerin bei dem Druckmaschinenbauer gearbeitet und ist wie Schaus entlassen worden. „Ich bin dankbar für 13 tolle Jahre bei ,manroland’“ sagt sie. Zuversichtlich schaut Trautwein in die Zukunft. „Die eine Tür geht zu, die andere auf.“ Die 59-Jährige hofft auf Vertretungsjobs oder Jahresverträge. Bei der Transfergesellschaft hat sie schon vorgesprochen. Das Gespräch habe sie motiviert, erklärt Trautwein. Die Experten seien von ihrem Lebenslauf angetan gewesen. Trautwein hatte einst eine Sprachschule besucht, als Sekretärin bei Rowenta gearbeitet und war bei einer Druckerei angestellt.

„Ich hätte mehr Bedenken, wenn ich geblieben wäre“, erklärt die ehemalige Mitarbeiterin von „manroland“. „Die, die noch da sind, haben extreme Angst.“

Alfons Zilch meint: „Sich auf dem Arbeitsmarkt umzuschauen, wenn man fast 60 ist, das ist spannend.“ 17 Jahre hat er für „manroland“ gearbeitet. In neun Monaten wäre seine aktive Phase des Vorruhestands beendet gewesen. Zilch hatte sich auf die Rente gefreut. Nun ist er auf Jobsuche. Die Transfergesellschaft sieht der Ex-Roländer als Chance. „Ich fühle mich fit.“ Und vor Arbeit habe er keine Angst. Allerdings hegt Zilch Zweifel, dass Personalchefs Menschen seines Alters noch eine Möglichkeit für den Berufseinstieg geben.

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