Wieder ein Volltreffer

Offenbach - (mcr/dpa) Wieder ein Volltreffer: Mag ja sein, dass die jugendlichen Schützlinge des Boxclubs Nordend Offenbach in ihren Leben schon kräftig daneben gehauen und dabei vor allem die eigenen Zukunftschancen lädiert haben.

Dem Verein selbst, längst in der ganzen Republik bekannt für sein Gewaltpräventions- und Integrationsprojekt, passiert das niemals. Abzulesen ist der Erfolg nicht zuletzt an der Masse der Preise, die die Institution abgeräumt hat. Ein weiterer ist am Dienstag mit dem von der Bundespräsidenten-Gattin Eva Luise Köhler überreichten HanseMerkur-Preis für Kinderschutz 2008 hinzu gekommen.

Die Auszeichnung ist mit 10 000 Euro dotiert. Geld, das der Boxclub demnächst unter anderem in neue Matten für den Trainingsbetrieb und die Teilnahme an Wettkämpfen in Hamburg und Berlin stecken wird.

Für eine noch elementarere Investition haben vor wenigen Tagen die Stadt über das Dezernat von Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Birgit Simon und Joachim Böger als Geschäftsführer der fördernden Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) gesorgt: Bernd Hackfort - Vizepräsident, Boxtrainer und Leiter der Hausaufgabenbetreuung - ist seit Anfang Februar Geschäftsführer des Boxclubs. Es ist die erste hauptamtliche Position innerhalb der Institution. Sie gilt dem Initiator, Clubpräsidenten, Sozialarbeiter und Leiter des Jugendzentrums Nordend, Wolfgang Malik, als entscheidender Schritt, um das Projekt auf noch stabilere Füße zu stellen.

Möglichst stabile Verhältnisse können dem von allerlei sozialen Unzulänglichkeiten gebeutelten Offenbach nur recht sein. Der Polizei sind sie es sowieso. Die Ordnungshüter zählen zu den vielen bekennenden Fans des Boxprojektes. Respekt, Disziplin und Wertschätzung, die die überwiegend ausländischen Jugendlichen im Boxclub lernen, „übertragen sie auf ihre Mitmenschen“, meint Polizeisprecher Henry Faltin. Die Ordnungsmacht schicke immer wieder gewalttätige Jugendliche in den Club, dem Polizeipräsident Heinrich Bernhardt „einen spürbaren positiven Einfluss auf die Einstellung und das Sozialverhalten der Jugendlichen“ bescheinigt. Bernhardt ist häufiger Trainingsgast und hat sich auch als Sparringspartner den Respekt der Jugendlichen erworben.

Mehr als stabil ist auch die Aufmerksamkeit, die dem Club und seinen Qualitäten seitens der Medien zukommt. Anlässlich des HanseMerkur-Preises hat sich Monika Hillemacher von der Deutschen Presseagentur (dpa) in der Nordend-Boxhalle umgeschaut. Ihre Eindrücke fasst sie so zusammen:

Aufwärmtraining beim Boxclub Nordend: 40 junge Männer drehen ihre Runden. Weder Kichern noch Murren ist zu hören, wenn Studentin Alessandra Sieber Anweisungen gibt. „Konzentriertes Arbeiten gehört zu den Regeln“, sagt der pädagogische Leiter des Präventionsprojekts, Peter Firner. Ebenso der respektvolle Umgang miteinander. „Es wird nicht über andere gelacht. Stärkere akzeptieren Schwächere. Und wer die Regeln nicht akzeptiert, fliegt.“ Das wirkt als Motivation und Drohung gleichermaßen: Seit der Gründung 2003 mussten die Trainer nur zwei Jungen verbannen.

Für viele der bis zu 100 Jungen und Mädchen ist der Club im Offenbacher Hafen Zuhause, Familie und Freundeskreis zugleich. Neben dem Training bekommen sie Hilfe bei den Hausaufgaben. Bei Noten, die schlechter als drei sind, ist Nachhilfe Pflicht.

Die Älteren unterstützt das Betreuerteam bei der Suche nach eine Ausbildungsplatz und bei Behördengängen. „Der Boxsport an sich hält nicht von Gewalt ab, er ist nur der Aufhänger, um Kontakt zu gefährdeten Jugendlichen zu bekommen“, begründet Peter Firner das umfangreiche Hilfsprogramm.

Neben Respekt und Disziplin will es den Jugendlichen vor allem Wertschätzung vermitteln. Schlagbereite Jugendliche dürfen frühestens nach einem halben Jahr Training in den Ring steigen. Und wer das Training unentschuldigt schwänzt, dessen Boxchancen sinken. Außerhalb des Clubs dürfen die Fäuste nur in Notwehr eingesetzt werden. Ausreden wie Schubsen oder „Der hat meine Mutter beleidigt“ und Streit über Religion und Nationalität fallen nicht darunter, stellt Firner klar.

Mit Teilnahmen an hessischen und deutschen Meisterschaften ist der BC Nordend inzwischen auch sportlich erfolgreich. Die Vereinsarbeit finanziert er aus Zuschüssen des städtischen Präventionsrates, mit Hilfe von Sponsoren und eben aus den Preisen. Die Offenbacher erhielten unter anderem den Hessischen Präventionspreis, den Heinz-Gölzelmann-Preis für Streitkultur, den Hessischen Jugendarbeitspreis, Auszeichnungen des „Bündnisses für Demokratie und Toleranz“ und weitere Anerkennungen.

Das Gewaltpräventions- und Integrationsprojekt wurde vor sechs Jahren im Nordend-Jugendzentrum gegründet. Es richtet sich an Jugendliche zwischen 12 und 22 Jahren. Im Boxclub, mittlerweile auch Amateursportverein, wird an sieben Tagen in der Woche trainiert. Am offenen Trainingsdienstag kommen bis zu 70 Aktive in die Halle am Hafen. Zum Repertoire zählen Boxtraining, Hausaufgabenhilfe, Unterstützung bei Behördengängen, Entspannungsübungen und Wertevermittlung. Internet: www.boxclub-nordend-offenbach.de

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