Wieder warm ums Herz

+
Bei den meisten Menschen ist es wohl so: Hört man im Heute ein Lied, das während der Jugend im Gestern schon ein Knaller war, wird nicht nur die Erinnerung an Melodie und Text wach, sondern auch die an die persönliche Gefühlswelt von damals.

Offenbach ‐ Bei den meisten Menschen ist es wohl so: Hört man im Heute ein Lied, das während der Jugend im Gestern schon ein Knaller war, wird nicht nur die Erinnerung an Melodie und Text wach, sondern auch die an die persönliche Gefühlswelt von damals. Von Stefan Mangold

Das war einer der Gründe für den Andrang, der am Samstag „Beat, beat, beat“ zuteil wurde. Die Stadthalle erlebte eine erinnerungsselige Veranstaltung - die neue Kapitel im Langzeitgedächtnis schrieb.

„Beat, beat, beat“ weckt Gefühle und Erinnerungen

Als „eine der kultigsten Parties in Offenbach“ hatten die Veranstalter den Abend angekündigt, den Werner Reinke vom Hessischen Rundfunk moderierte. Reinke gehört zum Typ „Rampensau“, im besten Sinne natürlich. Verzögerte sich ein Aufbau, zog sich etwas in die Länge, riss Reinke mit großer Präsenz das Publikum an sich.

„A Groovy Kind Of Love“ weltweiter Hit

Vier Gruppen, die in den sechziger und siebziger Jahren die Hitparaden aufmischten, spielten groß auf. „The Mindbenders“ machten den Anfang. In dem Jahr, als England gegen Deutschland die Fußballweltmeisterschaft gewann, hatte die Band mit „A Groovy Kind Of Love“ einen weltweiten Hit. Jahre später coverte Phil Collins das Lied mit dem größtmöglichen Erfolg.

Günter Doll, Leiter der Stadt für Kultur- und Sportverwaltungen, hatte die Oldieparty zum vierten Mal auf die Beine gestellt - lohnende Kontinuität: Als ihm nach der ersten Gruppe die Frau aus dem Kassenhäuschen „nur noch vierzig Karten übrig“ meldete, sprach Doll vom „bisher besten Ergebnis.“ Mehr als 1.600 Gäste, das schaffen viele Gruppen nicht, deren Protagonisten noch nicht auf der Welt waren, als die „Beat, beat, beat“-Legenden Charts und Herzen erobrten.

Musik von Sweet, Chris Thompson und seiner Band

Den großen Zuspruch erklärte sich der leidenschaftliche Musikfreund mit einem nostalgischen Bedürfnis, „nach einem 'Weißt Du noch?'“. In den Gesichtern vieler Zuschauer, die am Samstag zur Musik von Sweet, Chris Thompson und seiner Band oder der Spencer Davis Group die Hüften schwangen, ließ sich ein leistes, auch distanziertes Lächeln ablesen. Als gäben sich die heute Fünfzigjährigen gerne der Melancholie über die vergangene Ursprünglichkeit der eigenen Jugend hin.

Bei den meisten Menschen ist es wohl so: Hört man im Heute ein Lied, das während der Jugend im Gestern schon ein Knaller war, wird nicht nur die Erinnerung an Melodie und Text wach, sondern auch die an die persönliche Gefühlswelt von damals.

Nein, noch mal zwanzig wollte ich nicht mehr sein“, erklärte Jutta aus Leeheim, die sich draußen vor der Tür eine Zigarette gönnte. „Noch mal das Ganze mitmachen, auf keinen Fall.“ Doch ihr werde „schon anders ums Herz, wenn ich jetzt Ballroom Blitz höre.“ Anfang der siebziger Jahre hatte Jutta Karten für die Fernsehshow „Disco“ mit Ilja Richter gewonnen. Die englischen Glam-Rocker von Sweet intonierten dort „Ballroom Blitz“, und Jutta lächelte sich dabei mit einem jungen Mann beim Tanzen an. Mit ihm trat sie zwei Jahre später vor den Traualtar, „mittlerweile bin ich zum dritten Mal verheiratet.“ Dennoch „hatte ich eben ein ganz warmes Gefühl,“ als Sweet auf der Bühne stand.

Aus der großen Zeit der Gruppe ist nur der Gitarrist Andy Scott übrig. Schlagzeuger Mick Tucker starb an Krebs, bei Sänger Brian Conolly führte dessen rauschhaftes Leben in den neunziger Jahren zu Nierenversagen. Und auch bei den anderen Formationen haben die Jahrzehnte Spuren hinterlassen. Allein: Es war vor allem die Musik, die das Gefühl machte. Damals wie am Samstag. Lange kann Günter Doll den Erfolg des Konzertes allerdings nicht genießen. „Ab Montag muss ich schauen, wen wir für nächstes Jahr einladen können.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare