Wieso ist jemand gesund?

Offenbach ‐ Die Chinesen, die haben es mal richtig gemacht: Da wurde ein Arzt nur bezahlt, solange der Patient gesund blieb. Wurde der Patient krank, galt der Mediziner als Versager und guckte finanziell in die Röhre. Von Marcus Reinsch

Dieses erfolgsabhängige Honorarsystem wollen die Professoren Ulf W. Tunn, Andreas J.W. Goldschmidt und Oswaldo Palahares hierzulande natürlich nicht einführen. Und dafür wären die Deutschen auch zu alt und zu krank. Aber das Trio wird - mit Anleihen im fernöstlichen und südamerikanischen Erfahrungsschatz zum Thema Vorsorge - noch in diesem Jahr, das „Institut für Gesundheitsmanagement“ mit Sitz am Offenbacher Klinikum gründen. Es soll sich zu einer Forschungsinstitution mausern, die nicht in erster Linie Ursachen von Männerkrankheiten nachspürt, sondern denen von Männergesundheit.

Letztere ist bisher bemerkenswerterweise nicht so fundiert zu erklären wie beispielsweise die häufigsten Altersleiden Diabetes, Demenz und Schlaganfall. Die Professoren glauben: Gelingt es herauszufinden, warum ein Mann gesund bleibt, ließe sich schwächelnde Vorsorgebereitschaft wenn nicht neu erfinden, so doch ganzheitlich ankurbeln.

Zugewinn an Lebensqualität

Dass Bewegungsmangel, Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch, falsche Ernährung auch den Fittesten flott zum Wrack machen, ist natürlich längst bewiesen. Aber es gebe da noch mehr Dinge, die in die Risikoeinschätzung gehörten, meint Goldschmidt. Ob der Mann alleine lebe, das beispielsweise sei durchaus ein Kriterium. Eine Wohnung unterm Lärmteppich des Flughafens - ein Krankheitsbeschleuniger. Und dann der ganze Komplex der Genetik. Nach aufwändiger Forschung ließen sich bestimmte genetische Kombinationen gründlicher als bisher Krankheitsrisiken und damit konkreten Handlungsempfehlungen zuordnen.

Wer danach lebe, dem sei möglicherweise weniger Reparaturmedizin und eher ein „langes, mobiles und eigenständiges Leben“ beschert, sagt Tunn. Allein: „Wir wollen nicht zwingend eine Lebensverlängerung erzielen, sondern einen Zugewinn an Lebensqualität.“ Nach heutigem Stand der Prävention allerdings werde „der alleinlebende ältere Mann das Problem der Zukunft sein“.

Da sind viele Daten gefragt - europäische, brasilianische, chinesische sollen in Offenbach ausgewertet werden - und nicht nur medizinische Disziplinen. Je nachdem, wie viel Forschungsgeld bei öffentlichen oder privaten Gebern aufzutreiben ist, können Forscherteams Projekte durchziehen. Professor Tunn selbst, Initiator des Instituts, ist eine bekannte Größe in Offenbach; er war Urologie-Chef am Klinikum und wird, sobald auf dessen Gelände das Facharztzentrum steht, eine Privatarztpraxis eröffnen. Palahares, ebenfalls Urologe, hat den Lehrstuhl für Präventivmedizin an der Universität Manaus in Brasilien inne, war früher am Offenbach Klinikum. Der Gesundheitsökonom, Medizininformatiker und Biostatiker Goldschmidt lehrt an der Universität Trier und ist Geschäftsführer am „Zentrums für Forschungskoordination und Bildung“, einer Kliniktochter. Er sieht im neuen Institut auch Chancen für eine ganzheitlichere Ausrichtung der Ärzteausbildung.

Rubriklistenbild: © dpa

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