Fuchs verläuft sich in eine Bankfiliale

Wildes Leben in der Offenbacher Innenstadt

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Ein seltenes Bild von einem gar nicht so seltenen Stadtbewohner. Ellen und Lothar Engelhardt fotografierten den jungen Fuchs in ihrem Garten an der Stauffenbergstraße.

Offenbach - Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, das steht sprichwörtlich für einen sehr ruhigen, abgelegenen Ort. Offenbach passt nicht ganz in dieses Bild. Von Veronika Schade 

Dass dennoch in der Stadt so manches Wildtier lebt, und zwar näher, als die meisten vermuten, zeigte sich am Dienstagmorgen, als ein Fuchs in die Schalterhalle einer Bank an der Kaiserstraße lief – mitten in der Innenstadt. Die erstaunten Kunden flüchteten und warteten draußen ab, bis Stefan Sommer, Wildtierexperte im Offenbacher Ordnungsamt, das Tier für ungefährlich befand und ihm durch eine Hintertür die Flucht ermöglichte.

„Es war ein junger Fuchs, der wahrscheinlich am Mainufer lebt“, vermutet Sommer. Füchse seien klassische Kulturfolger, die aufgrund des reichen Nahrungsangebots die Nähe menschlicher Siedlungen suchten. In Offenbach lebten sehr viele versteckte Füchse, in den vergangenen Jahr sei ihre Zahl gestiegen. Zwar gibt es keine Statistik, die die Wildtierpopulation in der Stadt festhält, aber sowohl Sommer als auch der Offenbacher Revierförster Viktor Soltysiak und der Bieberer Jagdpächter Gerd Kniese verzeichnen immer mehr Anrufe aus der Bevölkerung. „Die Leute reagieren meist ängstlich und wollen den Fuchs weghaben“, lautet Soltysiaks Erfahrung. Tierliebe höre auf, sobald das Wild im eigenen Garten stehe. Der Förster zeigt wenig Verständnis: „Über Vögel zum Beispiel regt sich keiner auf. Aber Füchse haben genauso ihre Daseinsberechtigung, ihr Recht auf Lebensraum.“

Probleme seien sowieso meist menschengemacht. Haustiere werden draußen gefüttert, Essenreste achtlos liegengelassen – das locke die Wildtiere an. Jäger Kniese erzählt von einer Füchsin, die in einer Gartenhütte am Heusenstammer Weg Junge geworfen hat. „Sie kommt nächstes Jahr wieder, wenn die Leute die Löcher in der Hütte nicht zubetonieren.“ Zur Vergrämung eignen sich laut Sommer Urinsteine von der Toilette, da die Tiere den Geruch nicht mögen. Außerdem: „Haustiere drinnen füttern, keine Lebensmittel liegen lassen und nicht in den Kompost werfen.“ Er und seine Kollegen könnten weiter nichts ausrichten. „Füchse zu bejagen, ist in der Stadt nicht möglich, Giftköder auslegen schon gar nicht“, so der Ordnungsbeamte. Er habe eine Zeitlang versucht, Lebendfallen aufzustellen. „Darin habe ich nur wenig amüsierte Katzen gefangen, kein einziges Mal einen Fuchs.“ Setzt man Füchse irgendwo aus, kehrten sie meist sowieso in ihr altes Revier zurück.

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Obwohl die Tiere wenig Scheu zeigen, seien sie harmlos. „In den Köpfen der Menschen spukt noch rum, dass Füchse Tollwut haben. Aber die ist seit Jahren in Deutschland nicht mehr aufgetreten“, beruhigen Experten. Im Stadtgebiet sind außer den Füchsen auch Kaninchen, Rehe und Wildschweine heimisch. Steinmarder fühlen sich ebenfalls in Offenbach wohl, selbst im Zentrum. „Fünf bis sechs Anrufe“ verzeichnet Sommer in den vergangenen Jahren wegen Mardern, ob als Kabelbeißer im Auto oder weil sie sich auf Dachböden niedergelassen haben. Selbst Waschbären sind anzutreffen. „Wir haben eine gute Population in Tempelsee“, erzählt er.

„Wildtiere finden in der Stadt ihre Nischen“, weiß Soltysiak. So ist es Alltag in Offenbach, dass sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

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