Wildhof bietet Spielsüchtigenneue Chance

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Immer mehr Menschen kommen nicht los vom Glücksspiel.

Offenbach - Von einem Süchtigen, der in einer Nacht 48 000 Euro an Automaten verloren hat, berichtet Barbara Hanelt-Thomas, Fachberaterin Glücksspiel beim Suchthilfezentrum Wildhof. Der 25-Jährige, der sein ganzes Erbe eingebüßt hat, ist ein Extremfall, aber keine Ausnahme. Immer mehr Menschen kommen nicht los vom Glücksspiel, ruinieren sich selbst und ganze Familien - finanziell wie psychisch. Von Alexander Koffka

Zwar weichen die Ergebnisse dreier Studien stark voneinander ab. Doch Mechthild Rau vom Vorstand der Arbeitsgruppe Wildhof e.V. geht davon aus, dass sich die Zahl der pathologischen Spieler seit 1996 verdoppelt hat. Allein in Stadt und Kreis leben demnach rund 9 000 Hilfsbedürftige. 13 von hessenweit 80 Beratungsstellen hat die Landesregierung im vergangenen Jahr Geld für zusätzliches Personal bewilligt - darunter dem Suchthilfezentrum Wildhof. Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne) und Carsten Müller (SPD), Sozialdezernent des Kreises, freuen sich über die Aufstockung.

Betroffene und Angehörige erreichen das Suchthilfezentrum unter 069 / 98 19 530 (Offenbach) oder 06074 /  69 49 616 (Dietzenbach).

Krankhafte Zocker sind fast immer (90 Prozent) männlich und stammen - jedenfalls in Offenbach - aus Migrantenfamilien (80 Prozent). Ihr Verhängnis sind meist Geldautomaten. Das mag daran liegen, dass keine Spielbank vor Ort ist. Lotto-Annahmestellen oder Büros für Sportwetten bieten Glücksspiel-Junkies nicht den Kick, den sie brauchen. Die Abstände zwischen den Spielen sind zu groß.

Wenn am Automaten die drei Plättchen mit den Kirschen neben einander aufblinken, schüttet die Maschine laut rasselnd Münzen aus. Der Körper des Spielers setze dann das Glückshormon Dopamin frei, berichtet Wildhof-Berater Egon Heeg-Matthaei. Dieses Erlebnis bräuchten Abhängige dauernd, „um innere Spannungen abzubauen“. Kollegin Hanelt-Thomas erkennt bei den Süchtigen ein „ständiges kognitives Eingenommensein“ vom Spielen. „Der Automat zieht sie an wie die Flasche den Trinker.“ Auch sonst sieht Mechthild Rau viele Parallelen zwischen Alkoholismus und Spielsucht.

Die Berater suchen mit Abhängigen nach Wegen, die Not zu lindern und das Leben zu stabilisieren. Wer einmal süchtig war, muss sein Leben lang Glücksspiele meiden. „In der Anfangszeit empfehlen wir sogar, auf ,Mensch ärger dich nicht' zu verzichten - nicht weil es an sich schädlich wäre, sondern weil es im Körper Erinnerungen ans Glücksspiel weckt“, erklärt Hanelt-Thomas.

Die Finanzierung der Suchtberatung leistet der Staat - auch um das Glücksspielmonopol (juristisch wie moralisch) zu rechtfertigen. Bürgermeisterin Simon erscheint es indes „absurd“, dass der Staat mit Spielbanken und Lottogesellschaften selbst Glücksspiele betreibt, damit Milliarden verdient und zugleich den dadurch Verführten wieder helfen muss.

Der 25-Jährige, der sein Erbe verzockt hat, überlegt derweil in sein Herkunftsland Afghanistan auszuwandern. Weil es dort keine Glücksspielautomaten gibt.

Weitere Infos auch unter: www.spielen-mit-verantwortung.de

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