Wildschweine auf Vormarsch

Im Offenbacher Stadtgebiet 69 Tiere geschossen

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Da wächst kein Gras mehr: Von Wildscheinen aufgewühlter Boden im Leonhard-Eißnert-Park.

Offenbach - Wer im Offenbacher Stadtwald oder Leonhard-Eißnert-Park unterwegs ist, kennt den Anblick: aufgewühlter, von Wildschweinen umgegrabener Boden. Manch einer hat die Verursacher selbst zu Gesicht bekommen. Von Veronika Szeherova

Dem Schwarzwild geht es in und um Offenbach offensichtlich prächtig. Es vermehrt sich zusehends. Zwar gibt es keine genauen Zahlen zur hiesigen Wildschwein-Population. „Die ist schwer zu ermitteln, weil die Tiere weite Strecken wandern und keinen festen Standort haben“, erläutert Wolfgang Winter von der Unteren Jagdbehörde. Doch er weiß zu berichten, dass im vergangenen Jahr 69 Tiere allein auf Offenbacher Stadtgebiet geschossen wurden. „Das ist eine beträchtliche Zahl.“

Gerade in Anbetracht dessen, dass die beiden abschussberechtigten Jäger in den Offenbacher Jagdrevieren laut Winter kein leichtes Spiel haben: „Vor allem rund um die Käsmühle sind sehr viele Spaziergänger und Hundebesitzer unterwegs, oft zu unmöglichen Uhrzeiten. Das ist hinderlich bei der Jagd.“ Das zweite Offenbacher Jagdrevier mit Schwarzwild liegt am Wildhof in Richtung Heusenstamm.

Nähe der menschlichen Behausungen

Die Tiere suchen die Nähe der menschlichen Behausungen, weil sie dort leicht an Futter gelangen. Gartenbesitzer, die Kompost, Gartenabfälle oder altes Obst und Gemüse am Waldrand abladen, füttern unbewusst neben Ratten auch Wildschweine. Daher, so empfiehlt der zuständige Revierförster Viktor Soltysiak, sollten Komposthaufen nur in gut umzäunten Gärten angelegt und Abfälle nur in geschlossenen Tonnen innerhalb einer Umzäunung entsorgt werden. „Keinesfalls sollten die Tiere gefüttert werden, das ist falsch verstandene Tierliebe.“ Ein Teil der sonst sehr scheuen Tiere habe bereits seine natürliche Furcht vor dem Menschen verringert.

Soltysiak und Winter sind in Offenbach bisher keine Fälle bekannt, bei denen Schwarzwild Menschen attackiert hätte. Dennoch raten die Experten zur Vorsicht, falls es zur Begegnung mit einem Wildschwein kommen sollte. „Normalerweise ziehen sich die Tiere zurück, wenn sie Menschen wittern. Doch vor allem eine Bache mit Jungen kann fuchsig werden, wenn sie sich angegriffen fühlt“, warnt Soltysiak. Da solle man sich ruhig verhalten, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sich langsam und leise entfernen.

Begegnungen mit Wildtieren

Doch eine andere Art von Begegnungen mit Wildtieren birgt ein weit größeres Gefahrenpotenzial – meist mit unschönem Ausgang für Tier und Mensch. Die Zahl der Wildunfälle war im Bezirk des Polizeipräsidiums Südosthessen noch nie so hoch wie im vergangenen Jahr. Es kam zu 1265 Unfällen mit Wild – 30,7 Prozent mehr als im Vorjahr. 25 Menschen wurden dabei leicht verletzt, acht erlitten schwere Verletzungen, zwei Menschen kamen ums Leben. Allein in Stadt und Kreis stieg die Zahl der Wildunfälle um 151 gegenüber dem Vorjahr. 2011 gab es 324 Unfälle, 2012 waren es 475. Das bedeutet einen Anstieg von fast 47 Prozent.

Die meisten Unfälle passierten nicht mit Wildschweinen, sondern mit Rehen. Soltysiak sieht als mögliche Ursache die verlängerte Notzeit, in der sich die Tiere durch den langen Winter befanden und viele Kilometer auf der Suche nach Nahrung zurücklegen mussten. Als Problem betrachtet er zudem Hundehalter, die ihre Tiere „zu Unzeiten“ im Wald frei laufen lassen. „Die Leute denken, ihr Hund tut dem Wild nichts, nach dem Motto ,Er ist ja satt’“, so der Revierförster. „Doch auch satte Hunde können in die Bestände hineinlaufen und sie aufscheuchen.“ Wem an Tierschutz gelegen sei, der solle seinen Hund angeleint lassen, plädiert Soltysiak. Zudem verströmen Bello und Co. einen Raubtierduft, der bei Rehen die Alarmglocken läuten lässt und sie zur Flucht veranlasst – im schlimmsten Fall auf die Straße.

Die schrägsten Tiere der Welt

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Darin liegt für Winter die Hauptursache der großen Zahl an Wildunfällen. „Das Straßennetz in der Region ist sehr dicht, es gibt sehr viele Hauptverkehrsstraßen.“ Autofahrer seien oft nicht ausreichend achtsam, auch angesichts von Wildwechsel-Schildern passten sie nur selten ihre Fahrweise an. Das sieht auch die Polizei so: „Überhöhte und nicht angepasste Geschwindigkeit waren sicherlich für die Häufung von Wildunfällen mitverantwortlich“, heißt es in der Unfallstatistik 2012.

Eine Gefahr, die nicht zu unterschätzen ist. Stößt ein Auto auch nur bei Tempo 60 mit einem Wildschwein zusammen, hat das Tier das Gewicht eines Nashorns. Dennoch: Der ADAC rät zu kontrollierter Kollision – die sei weniger schlimm, als bei einem Ausweichmanöver auf die Gegenfahrbahn zu gelangen und mit einem anderen Auto zusammenzustoßen.

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