Verwaltungschef in stürmischen Zeiten

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Wilhelm Brink

Offenbach - Die Brinkstraße durchquert das Wohnviertel zwischen Starkenburg- und Odenwaldring wie eine Nord-Süd-Schneise. Mit ihrem Namensgeber werden die meisten Offenbacher nicht mehr viel verbinden können. Aber es gibt einen Anlass, an ihn zu erinnern. Von Lothar R. Braun

Am heutigen 21. Januar sind 100 Jahre vergangen, seit Carl Adolf Wilhelm Brink verstarb. Er ist 63 Jahre alt geworden. Von 1883 bis 1887 leitete er die Offenbacher Stadtverwaltung als Bürgermeister, danach bis 1907 mit dem Titel Oberbürgermeister. In Offenbach war er der erste Verwaltungschef mit diesem Titel.

Der aus dem sächsischen Erzgebirge stammende Brink hat sich um Offenbach unbestreitbar in außergewöhnlichem Maß verdient gemacht. Aber es gibt kein Grab, an dem man seiner gedenken könnte. Es entsprach seinem letzten Willen, dass seine Asche in den Taunuswäldern am Altkönig verstreut wurde. Die Einäscherung erfolgte im Offenbacher Krematorium, das 1892, also in Brinks Amtszeit, in Betrieb genommen wurde. Als erstes im Großherzogtum Hessen und als eines der ersten in Deutschland.

Der Jurist Wilhelm Brink war gut vorbereitet, als er 1883 in das rund 31 000 Einwohner zählende Offenbach kam. In Bautzen, Chemnitz und Plauen war er in wachsenden Aufgabenbereichen der Kommunalverwaltung aufgerückt. Politisch stand er in den Reihen der Nationalliberalen Partei, die sich den Interessen des protestantischen Besitz- und Bildungsbürgertums verpflichtet fühlte.

In die Stadtchronik hat er sich eingetragen als der Oberbürgermeister einer stürmischen Stadtentwicklung. Die Einwohnerzahl hat sich in seiner Amtszeit mehr als verdoppelt. Schulen wurden gebaut, der Maindamm und der Hafen. Das bebaute Stadtgebiet streckte sich, die Herrnstraße wurde bis zum Main verlängert. Das Stadtkrankenhaus, der Schlachthof und das Krematorium konnten in Betrieb gehen. Gas- und Wasserversorgung wurden modernisiert, das Elektrizitätswerk und das Abwassernetz ausgebaut. 1905 ging das Hallenbad an der Herrnstraße in städtischen Besitz.

Seit 1887 gibt es Oberbürgermeister in Offenbach

Brinks stolzester Tag wird jedoch der 1. Oktober 1887 gewesen sein. An diesem Tag empfing er den hessischen Großherzog Ludwig IV. und von der anderen Mainseite den preußischen Landrat Wilhelm von Bismarck zur Einweihung der neuen Mainbrücke. Dabei verlieh ihm der Großherzog zur Feier des Tages den Titel Oberbürgermeister, den fortan auch seine Amtsnachfolger tragen sollten. Da Offenbach niemals in aller Form Stadtrechte erhalten hatte, war das sozusagen die erste offizielle Anerkennung als Stadt.

Mit der Bevölkerungsexplosion wuchsen in Brinks Amtszeit allerdings auch die sozialen Spannungen, und mit ihnen entwickelte sich die Sozialdemokratie in der kommunalen Politik zu einem wachsenden Machtfaktor. Es sollte dem nationalliberalen Oberbürgermeister ziemlich zu schaffen machen. Gleichwohl genoss der vollbärtige Brink eine beträchtliche Popularität. Die Offenbacher erlebten ihn als Turner, Fechter, Reiter und Schwimmer, im Winter als einen geschickten Schlittschuhläufer. Jedweder Sport hatte in Wilhelm Brink einen Förderer.

Aufs Eis ging er im Schlittschuhklub am Isenburgring, aus dem der Offenbacher Tennisclub werden sollte, und in manchen Wintern auf dem zugefrorenen Main. Nachdem er einmal mit seiner Verlobten auf dem Main gelaufen war, kursierte in Offenbach der Vers „Auf dem glatten Eise läuft ein schönes Paar, er im Trikotkleide, sie mit offenem Haar“. Als Brink 1907 aus dem Amt schied, feierten seine Anhänger ihn mit einem Fackelzug durch die Stadt.

Der Pensionär Brink findet sich danach als Gutsdirektor auf einem oberbayerischen Besitz des Freiherrn von Büsing, dessen Name im Büsingpalais fortlebt. Nach Offenbach kehrte Brink 1911 zurück, um auf der Liste der Nationalliberalen für den Reichstag zu kandidieren. Sein Nachfolger im Rathaus war 1907 Dr. Andreas Dullo von der Freisinnigen Vereinigung geworden. Dullo amtierte in Offenbach bis 1919, war jedoch im Rathaus schneller vergessen als Wilhelm Brink. Der nämlich hatte in fortgeschrittenem Alter eine weitaus jüngere Frau geheiratet, die noch jahrzehntelang ihre Witwenpension bezog. Dies hielt den Namen Brink lebendig für nachwachsende Beamtengenerationen im Personalamt.

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