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EVO will den steilen Aufstieg

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Die 23 Windräder wachsen bis Jahresende 180 Meter in den Hunsrück-Himmel.

Offenbach - Die Energieversorgung Offenbach AG (EVO) will in Sachen Windenergie hoch hinaus – fürs erste knapp 180 Meter. Und sie greift dafür tief in die Tasche. Von Marcus Reinsch

Die 23 gigantischen Windräder, für deren Bau Vorstandsvorsitzender Michael Homann und Technikvorstand Dr. Kurt Hunsänger gestern im Hunsrück den Startschuss gaben, werden 85 Millionen Euro kosten.

Die EVO und die Wörrstädter „juwi“-Gruppe, mit der sie 2009 die nun als Betreiberin des Windparks arbeitende Cerventus Naturenergie GmbH gegründet hat, teilen sich den Brocken entsprechend ihrer Anteile an der gemeinsamen Tochter halbe-halbe. Wobei auch damit das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Insgesamt, kündigt Homann an, werde die EVO in den nächsten Jahren 150 Millionen Euro investieren, um den Anteil des vom Unternehmen selbst erzeugten und von ihm verkauften Strom mittelfristig von aktuell 15 auf 30 Prozent zu steigern. Solch „saubere Energie aus der Region für die Region“ schone das Klima und „macht uns unabhängiger von den Weltmarktpreisen für Erdöl oder Erdgas“.

Der Rückenwind für die regenerativen Energien kommt nicht von ungefähr. Fossile Brennstoffe und Gasvorkommen werden nicht ewig reichen. Und spätestens seit der Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima ist auch die nicht risikofrei beherrschbare Atomkraft wohl endgültig zum Auslaufmodell erklärt – kein Energiekonzern, der nicht gerade Alternativen forciert. Zurecht, wie Homann zu Protokoll gibt: „Wer langfristig wachsen will, wächst klimafreundlich. Die Energieversorgung von morgen ist dezentral, effizient und regenerativ.“

EVO hat bereits zwei Windkraftanlagen im nordhessischen Massenhausen in Betrieb genommen

Komplettes Neuland betritt die EVO mit ihrem Großprojekt in der aus 40 Einzelgemeinden, 21.000 Einwohnern, dem Frankfurter Flughafen-Ableger Hahn und ansonsten viel, viel Platz bestehenden Verbandsgemeinde Kirchberg an der Landesgrenze von Hessen und Rheinland-Pfalz nicht. Zum Jahresbeginn hat sie bereits zwei Windkraftanlagen im nordhessischen Massenhausen in Betrieb genommen. Sie können rund 2 600 Haushalte mit Ökostrom versorgen. In Kirchberg allerdings entsteht nun der leistungsstärkste Windkraftpark im Südwesten der Republik. Die Windräder des Herstellers Enercon können zusammen rund 125 Millionen Kilowattstunden im Jahr produzieren. Das entspricht dem Strombedarf von 35. 000 Drei-Personen-Haushalten.

Ein Mammutprojekt, mit dem die beteiligten Firmen entsprechend große Erwartungen verbinden. Der „juwi“-Vorstand Matthias Willenbacher fühlt sich wohl im Meinungstrend: „Gemeinsam wollen wir ein Zeichen dafür setzen, dass der schnelle Umstieg auf erneuerbare Energien möglich und finanzierbar ist.“ Eine Kooperation zwischen einem regionalem Energieversorger wie der EVO und einem Projektentwickler wie der „juwi“ sei da wichtig, weil „der gemeinsame Betrieb dezentraler Anlagen Energie in der Nähe der Verbraucher erzeugt und eine unabhängige, preiswerte und sichere Versorgung der Menschen mit sauberer Energie sichert“.

Expansion in das Geschäft mit dem Wind scheint kein echtes Risiko zu sein

An der Zukunftfähigkeit der EVO muss im Grunde jeder Offenbacher interessiert sein, ob er seine Energie nun bei diesem Anbieter kauft oder bei einem anderen. Denn die Stadt hält immer noch knapp die Hälfte der EVO-Anteile; das spült jährlich eine Millionenrendite in die ansonsten elend leere Stadtkasse. Heißt: Ginge es mit der EVO abwärts, wäre auch der letzte noch in den kommunalen Haushalt interpretierbare Gestaltungsspielraum hinüber.

Aber dem Energieversorger geht es ja ganz gut. Und auch die Expansion in das Geschäft mit dem Wind scheint kein echtes Risiko. Die Technik, versichert Hunsänger, sei „erprobt und bewährt“, und beim Hersteller Enercon handele es sich um eines der weltweit führenden Windenergie-Unternehmen mit langjähriger Marktführerschaft in Deutschland. Der Windpark mit seiner Gesamtleistung von rund 53 Megawatt komme mit großen Schritten voran. Die Bauarbeiten seien in vollem Gange, das erste Windrad sei bereits betriebsbereit. Der Durchmesser der Rotoren beträgt 82 Meter.

Nicht zu vernachlässigen, wenn auch nicht von unmittelbarer Wirkung auf Offenbach: Mit dem Windpark können jährlich rund 100 .000 Tonnen Kohlenstoffdioxid vermieden werden. Aller Voraussicht nach kann er im Frühsommer 2012 offiziell eröffnet werden. Die Inbetriebnahme ist bereits für übernächsten Monat vorgesehen. Hunsänger zufolge prüft die Cerventus gegenwärtig weitere Windkraftprojekte. Allerdings seien die entsprechenden Verträge noch nicht unterzeichnet und daher noch nicht spruchreif. Die Zielgröße allerdings ist klar: Insgesamt sollen Windräder mit einer Leistung von 100 Megawatt Nennleistung gebaut werden.

Angesichts dieser Ökostrom-Masse fallen die 130 .000 Kilowattstunden, die die EVO auf ihrem Offenbacher Werksgelände mit mittlerweile vier Photovoltaikanlagen erzeugen kann, kaum ins Gewicht. Zusätzlich in die Waagschale werfen darf das Unternehmen allerdings auch Mühen um andere Formen regenerativer Energien. Vor gut vier Jahren etwa hat es im Landkreis Gießen den „Energiewald“ gepflanzt. Hier werden im nächsten Jahr 5 000 Weiden und 5 000 Pappeln groß genug sein, um in einem großen Pelletswerk zu ökologisch unverdächtigen Holzschnitzeln verarbeitet zu werden. Die werden genutzt, um nach und nach den Anteil fossiler Energieträger wie Erdöl oder Steinkohle unter anderem im Offenbacher EVO-Heizkraftwerk und in Nahwärmenetzen im Rhein-Main-Gebiet zurückzufahren.

Und in Sachen Elektromobilität, die sich ja vor allem die Stadt auf die Fahnen geschrieben hat, mischt die EVO seit September auch mit. Sie hat eine Flotte aus ausschließlich elektrisch angetriebenen und mit Ökostrom betankten Fahrzeugen angeschafft. Firmen können die Segways, das Motorrad, die Lieferwagen und auch den Rennboliden nun tageweise ausleihen, um auf den Geschmack zu kommen.

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