Wind- und Hoffnungsböen

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In diesem Jahr meldeten sich 329 Teilnehmer zum Ketteler-Lauf an. Die Jogger und die Walker drehten die Fünf-Kilometer-Runde nicht für den Ehrgeiz, sondern für die Gesundheit. Die eigene und die aller von Krebs Betroffenen.

Offenbach - Unter dem Startbanner bringen sie sich in Position, das Gewicht aufs Vorderbein verlagert. 3, 2, 1, Startschuss. Die Gesichter sind konzentriert, aber nicht von Ehrgeiz verzerrt. Den wenigsten hier geht es bei diesem Fünf-Kilometer-Lauf ums Gewinnen. Von Leah Junck

Es geht um ein Bewusstsein: Viele Tausend erkranken jährlich an Krebs; die Krankheit ist nach den Herz-Kreislauf-Leiden die häufigste Todesursache in Deutschland. „Lauf dem Krebs davon“ lautet daher das hoffnungsvolle Motto beim Lauf zur Unterstützung von Erkrankten und Angehörigen am Samstagnachmittag. Bereits zum achten Mal hat das Kettelerkrankenhaus dieses Ereignis mithilfe einiger lokaler Unternehmen organisiert; der Erlös geht an eine Reihe von Projekten für die Betroffenen.

„Lauf dem Krebs davon“. Der Situation eines an Krebs Erkrankten, der um den eigenen Lebenswillen ringen muss, können diese vier Wörtchen der Motivation natürlich nicht gerecht werden. Das weiß auch Irene Schmidt, 69, die Läuferin mit der Startnummer 240. Als der Countdown zum ersten Lauf für den guten Zweck gezählt wurde, das war 2005, belegte sie als Patientin selbst ein Bett im Kettlerkrankenhaus - Darmkrebs! Karitative Veranstaltungen wie dieser Spendenlauf haben in erster Linie den Zweck, Geld aufzutreiben. Acht Euro haben Frühanmelder gezahlt, zehn Euro Spätanmelder, die noch an den Start wollten.

Bilder vom Ketteler-Lauf

Ketteler-Lauf für den guten Zweck

Wenn man von nur acht Euro ausgeht, macht das bei den 329 diesjährigen Teilnehmern immerhin 2632 Euro, die in Hilfsprojekte fließen können. Geld ist allerdings nicht der einzige Anreiz für Initiatoren und Teilnehmer, den Spurt auf sich zu nehmen. „Es geht auch nicht um Rekorde. Es geht um Spaß an der Freude und an der Gesundheit“, sagt Uta Backes, eine der Hauptorganisatoren.

Bewegung. Aktiv sein. Weiter machen. Das wollte Irene Schmidt, als sie während ihrer Krebsbehandlung verkündete: „Nächstes Mal laufe ich mit!“ Eine Frau, ein Wort. Ein Jahr nach ihrer Operation stand auch sie unter dem Startbanner, ein Papierschild mit der Aufschrift „Walker“ und ihrer Startnummer darunter auf der Brust.

Die „Jogger“ haben üblicherweise einen fünfminütigen Vorsprung. Die Lust aufs Leben hat sie angetrieben, der Lauf hat für sie eine schon fast symbolische Bedeutung. Seit 2006 hat Schmidt nur einen Lauf verpasst und war nach dem einen Aussetzer dann im letzten Jahr wieder unter den Besten ihrer Altersgruppe. Die Urkunde sei schön, sie freue sich jedoch vielmehr, die Ärzte und Krankenschwestern wieder zu sehen und ihnen zu zeigen, dass sie ihren eisernen Willen behalten hat. Sie nimmt sich Zeit und Muße, sich mit sich selbst und ihrem Körper zu beschäftigen.

Kein Zusammenstoß mit Fußballfans

So macht sie beispielsweise eine Maltherapie, die das Ketteler als kreativen Ausgleich anbietet. Und nicht zuletzt trägt die Bewegung zu ihrem Wohlbefinden bei; regelmäßig lässt sie strammen Schrittes eine sechseinhalb Kilometer lange Strecke hinter sich zurück.

Sorgen bereiten den Veranstaltern abgesehen von Schlechtwetterprognosen eigentlich nur hitzköpfige Fußballfans, die zum Spiels der Kickers gegen Dynamo Dresden auf dem Bieberer Berg erwartet werden. Also besteht vor und während des Spiels ständiger Kontakt mit der Polizei rund ums Stadion und die abgesperrte Läuferstrecke. Die Beamten könnten die Jogger und Walker rechtzeitig abfangen, wenn’s zu nah zu brenzlig wird. Aber soweit kommt es nicht.

Und trocken bleibt es auch. Kühle Windböen treiben Erschöpfte über die Ziellinie, zu den Erfrischungen und zur Siegerehrung. Auch wenn sie nicht darauf aus war: Irene Schmidt freut sich als eine der Schnellsten über ihre neue Gewinnerurkunde. Und im nächsten Jahr, sagt sie, wird sie dabei sein. Dann bei den 70ern.

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