So läuft es während der Corona-Krise im Offenbacher Theresienzentrum

„Wir gegen die Pandemie“

Darauf, wie ihre Schützlinge im Theresienzentrum mit der Corona-Pandemie umgegangen sind, sind Geschäftsführer Thomas Domnick, Sozialpädagogin Ana Tovilo-Sezek und der Leiter der Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, Alexander Hahn, stolz.
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Darauf, wie ihre Schützlinge im Theresienzentrum mit der Corona-Pandemie umgegangen sind, sind Geschäftsführer Thomas Domnick, Sozialpädagogin Ana Tovilo-Sezek und der Leiter der Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, Alexander Hahn, stolz.

In der Corona-Krise hat jeder sein Päckchen zu tragen, das der einen ist kleiner, das der anderen größer. Für Kinder und Jugendliche, ihre Familien, zählen Homeschooling, Distanzunterricht und wegfallende Freizeitangebote sicherlich zu den größeren. Während die einen die Situation gut meistern, ist sie für andere wiederum eine echte Herausforderung.

Offenbach - Vor allem für die, die es ohnehin in mancher Hinsicht schwerer haben. Wie etwa die Kinder und Jugendlichen im Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum.

Rund 600 Kinder und Jugendliche in allen Altersgruppen werden dort von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut – ambulant, teilstationär oder stationär. Alle von ihnen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit, haben in ihrem bisherigen Leben Erfahrungen gemacht, die es notwendig machen, dass sie nun Hilfe benötigen: Flucht, sexuelle Übergriffe, Vernachlässigung, Eltern mit Suchtproblemen, Autismus. Was sie alle eint: Feste Strukturen, Beziehungen und Verlässlichkeit sind für die Kinder und Jugendlichen im Theresienzentrum enorm wichtig. „Sie sind nicht emotional gefestigt, haben nie die Erfahrung gemacht, dass sie sich auf jemanden verlassen können“, sagt Geschäftsführer Thomas Domnick. Mit dem vorübergehenden Verlust gewohnter Strukturen, dem Ausbleiben der üblichen Kontakte umzugehen, war für viele von ihnen darum noch schwieriger als für andere Menschen. Gemeinsam mit Sozialpädagogin Ana Tovilo-Sezek, die für mehrere Wohngruppen verantwortlich ist, und Alexander Hahn, dem Leiter der an das Theresienzentrum angegliederten Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, berichtet Thomas Domnick nach gut einem Jahr Corona davon, wie sich die Krise bislang ausgewirkt hat.

„Man kann bei diesen Kindern nicht einfach sagen, man setzt die Schulpflicht aus und lässt sie zuhause“, sagt Domnick. Vor allem in den Fällen, in denen die Kinder weiterhin zuhause leben, entweder dort durch die Mitarbeiter des Theresienzentrums betreut werden oder nach der Schule die Einrichtung besuchen, sei das schwierig. Viele kommen aus kinderreichen Haushalten, für die Teilnahme an digitalem Unterricht fehlen Ausstattung und ausreichende Internetverbindung.

Als Förderschule konnte die Oswald-von-Nell-Breuning-Schule anders als die Regelschulen durchgehend geöffnet bleiben. „Weil es auch unsere Aufgabe ist, eine Tagesstruktur zu bieten“, sagt Schulleiter Hahn. In kleinen Lerngruppen, mit zwei bis drei Schülern konnte er zumindest einem Teil der Schüler mit besonderen Bedürfnissen trotz Pandemie gerecht werden.

Doch nicht alle besuchen die angegliederte Sonderschule, sondern reguläre Einrichtungen. So mussten also auch für diejenigen der rund 200 Kinder und Jugendlichen, die stationär betreut werden, Wege gefunden werden, ihren Unterricht zu gestalten. Zunächst musste technisch aufgerüstet werden, erzählt Thomas Domnick, mittlerweile haben alle ihren eignen Laptop. In den Wohngruppen galt es für Ana Tovilo-Sezek zu schauen, wer welche Bedürfnisse hat. „Mit einigen war das Lernen in der Gruppe zum Beispiel nicht möglich, für die mussten wir dann Einzelsituationen schaffen“, berichtet sie. Andere wiederum seien aufgeblüht, hätten im Unterricht außerhalb der Schule deutlich bessere Leistungen gebracht.

Zu der Neustrukturierung des Alltags kamen die individuellen Probleme. Ana Tovilo-Sezek erzählt von einem Jungen, der besonders gelitten habe. Er lebt in einer der Wohngruppen, ist normalerweise alle zwei Wochen zuhause. Wegen Corona war das fast neun Monate lang nicht möglich, weil seine Mutter schwer krank ist. „Mittlerweile ist sie geimpft“, sagt die Sozialpädagogin. „Aber ihn hat diese Zeit belastet, er war sehr labil.“

Abgesehen von allen organisatorischen und persönlichen Herausforderungen sei zu beobachten gewesen, wie sich innerhalb der Gruppe eine tolle Gemeinschaft entwickelte, erzählt Ana Tovilo-Sezek. „Wir gegen die Pandemie“, nach dem Motto seien die Kinder und Jugendlichen vor allem anfangs mit der Situation umgegangen. Und auch sonst war es für die Sozialpädagogin schön zu sehen, wie alle die Zeit kreativ nutzten. „Da haben sich sehr lustige Rituale entwickelt“, berichtet sie. Tanzen, Kochen, Nähen, lange Spaziergange über Wiesen und Felder. Nach dem Sommer sei die Stimmung dann aber auch mal gekippt, berichtet Ana Tovilo-Sezek. Mittlerweile hat sich im Theresienzentrum aber alles einigermaßen eingespielt, alle haben sich an die neuen Strukturen gewöhnt.

Geschäftsführer Thomas Domnick ist sichtlich zufrieden: „Wir können stolz sein auf unsere Kinder und Jugendlichen, sie haben sich in der Krise solidarisch mit anderen gezeigt.“ Alles in allem, da sind sich die Verantwortlichen einig, habe man es im Theresienzentrum geschafft, das zurückliegende Jahr, mit all den Herausforderungen, die es mit sich brachte, gut zu meistern. Viel habe sich getan in dieser Zeit, etwa in Sachen Digitalisierung und Bildung, erzählt Thomas Domnick. „Wir werden uns sicher zusammensetzen und schauen, was hat Corona uns gelehrt.“

Von Lena Jochum

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