„Wir haben genug geweint“

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Das Lächeln fällt schwer. Christina Ripeci und Kellner Ahmed (Guido) Kaaouch stoßen ein letztes Mal in der gemütlichsten Ecke des „Alt-Offenbach“ an. „Es muss weiter gehen“, sagt der gebürtige Marokkaner.

Offenbach ‐ Christina Ripeci streicht mit ihren Fingern vorsichtig über den Bilderrahmen an der Wand. Stumm blicken die Menschen hinter dem Glas in den Gastraum des „Alt-Offenbach“. Sie erinnern die Wirtin an vergangene Zeiten. Von Katharina Platt

Mehr als 40 Jahre lang gehörte das Restaurant zu ihrem Leben. Nun schließt sie seine Türen. Für immer. Es kamen immer weniger Kunden, erklärt sie ihren Entschluss. In den letzten Monaten habe sie immer wieder finanzielle Löcher mit privaten Mitteln gestopft, doch nun seien die niedrigen Erlöse nicht mehr auszugleichen. „Diese Entscheidung hätte früher fallen müssen“, sagt sie. Doch das habe sie nicht übers Herz gebracht. Für die 67-Jährige ist das Restaurant im kleinen Gässchen zwischen Berliner Straße und Bernardstraße mehr als ein gastronomischer Betrieb. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, verrät sie. Fast jede Minute stand sie im urigen und liebevoll eingerichteten Lokal. Dort traf sie ihre Freunde und empfing Gäste aus der ganzen Welt. Schauspieler, die nach ihrem Auftritt im alten Capitoltheater zum Essen kamen, bekannte Moderatoren, Geschäftsreisende und Messebesucher.

Auch Harald Juhnke, Lilo Pulver und Hans-Joachim Kulenkampff haben im Restaurant getrunken und geschlemmt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Prominente kommen schon lange nicht mehr in das kleine Restaurant hinter der mexikanischen Bar „Cabaña“. Und Messebesucher brächten nur noch selten die Zeit für ein Essen mit. Auch die Stammkunden seien in der letzten Zeit immer weniger geworden. „Wenn jemand stirbt, kommt niemand Junges nach“, versucht Christina Ripeci die Situation zu erklären.

Nichts im Gastraum erinnert an die Schließung

Die letzten Stunden im „Alt-Offenbach“ fallen ihr schwer. Kellner Ahmed Kaaouch, von allen nur Guido genannt, hat ein letztes Mal seine weiße Bluse, die rote Weste und die schwarze Fliege angelegt. Eine andere Kluft kann sich niemand an ihm vorstellen. Seit 17 Jahren bedient er die Gäste des „Alt-Offenbach“. Er weiß, welcher Stammgast was bestellt. Ab heute ist er arbeitslos. Die Anträge beim Amt sind gestellt. Mit Wehmut hat die Gastronomin Guido gekündigt. „Als Guido anfing, sprach er kein Wort Deutsch“, erinnert sie sich. Heute kann er sich sogar auf Italienisch unterhalten. Das hatte ihm noch Aldo, Christina Ripecis Mann, beigebracht, bevor er 1994 im Alter von 52 Jahren starb.

An den weißen Wänden, zwischen den schwarzen Balken hängen noch Bilder von ihm. „Die Fotos erinnern an bessere Zeiten“, sagt die Wirtin, der die Situation sichtlich nah geht.

Für den Abend haben sich Stammgäste angekündigt. Ein letztes Mal werden die Kerzen auf den Tischen angezündet und der Herd angeworfen. Davor graut es der Offenbacherin und ihrem Team. „Geweint haben wir genug“, erzählt sie und wischt sich dann doch schnell über das linke Auge.

Nichts im Gastraum erinnert an die Schließung. „Wir lassen alles so, wie es ist. Erst wenn ein neuer Mieter gefunden ist, hängen wir die Bilder und die Deko ab.“ Da ist die Seniorin eisern. Seit einigen Jahren gehört die Immobilie nicht mehr der Familie. Aber Christina Ripeci hat lebenslanges Wohnrecht in der Wohnung über dem Lokal. Um einen Nachmieter muss sich nun der Eigentümer kümmern. „Ich würde mir wünschen, dass jemand kommt, der alles so lässt, wie es ist“, sagt sie. Dann würde ihre Welt nicht ganz zerbrechen.

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