„Wir haben hier Amerika entdeckt“

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Die Heimbeiratsvorsitzende fühlt sich im Anni-Emmerling-Haus wohl. Deswegen wollte sie sich auch nur mit den Mitarbeiterinnen fotografieren lassen (hinten von links): Peggy König, Edith Turner, Heike Metzger. Vorne von links: Susanne Hesel, Margarete Spengler, Bozena Cwielong.

Offenbach ‐ Margarete Spengler lässt nicht locker. Sie will unbedingt, dass „ihre Familie“ mit aufs Foto kommt. Denn die Pflegerinnen und Mitarbeiterinnen der Verwaltung „sind alle lieb“, findet die alte Dame. Deswegen fühlt sie sich auch so wohl im Anni-Emmerling-Haus am Bischofsheimer Weg, in dem sie seit einem Jahr lebt. Von Simone Weil

Im Gespräch mit der resoluten Dame sind ihr ihre 84 Jahre nicht anzumerken. Sie lacht gerne und viel. Dass ihr der Schalk im Nacken sitzt, merkt man den Erzählungen aus dem Heimalltag an. So sei sie neulich zum Chefkoch gegangen und habe ihm gesagt, sie müsse sich beschweren. Der habe mit dem Allerschlimmsten gerechnet, als sie ihm schließlich eröffnet: „Sie kochen zu gut, ich habe so viel zugenommen.“

In ihrer Funktion als Vorsitzende des Heimbeirates hat sie zu allen Bewohnern und Mitarbeitern Kontakt. Sie bietet überall ihre Hilfe an, wo es Probleme gibt. Davon wird auch rege Gebrauch gemacht. Doch es gelte zu unterscheiden, sagt Margarete Spengler. Bei den Dementen könne man nicht immer alles für bare Münze nehmen, erzählt sie. Auf alle Fälle aber setzt sie sich dafür ein, dass die Interessen der Senioren ernst genommen werden.

Anfängliche Probleme lösten sich in Wohlgefallen auf

Zu ihren Aufgaben gehört es, in Absprache mit Küche und Heimleitung den Speiseplan für jeweils vier Wochen festzulegen. Hat jemand Geburtstag oder gibt es ein Jubiläum wie neulich die Gnadenhochzeit, kommt sie zum gratulieren. Weil sie dabei „nicht nackisch“ erscheinen, sondern etwas in der Hand haben will, bringt sie gebundene Sträuße aus selbst gepflückten Sommerblumen mit. Im Winter gibt es etwas Blühendes im Topf.

Ich möchte anderen die Angst vor dem Heim nehmen“, erklärt die Seniorin, die aus Mühlheim stammt. Allen, die über die Einrichtung motzen, sagt sie: „Wir haben hier doch Amerika entdeckt, uns geht es prima und wir müssen uns um nichts kümmern. Wer hier mit dem Essen unzufrieden ist, ist auch im Himmel nicht zufrieden.

Daten und Fakten:

  • Das Anni-Emmerling-Haus bietet 80 Pflegeplätze.
  • Es gibt 16 Doppelzimmer.
  • Auf der Warteliste stehen meistens um die 40 Namen.
  • Der Eigenanteil beträgt 1300 bis 1800 Euro.
  • Im angrenzenden betreuten Wohnen stehen 66 Plätze zur Verfügung - mit der Garantie, später im Heim aufgenommen zu werden.

Sie selbst war anfangs nicht sonderlich begeistert, in einer Pflegeinstitution gelandet zu sein, gesteht sie. „Ich wollte die ersten zwei Tag fortrennen.“ Vor allem die Tatsache, sich mit einer fremden Person ein Doppelzimmer teilen zu müssen, machte ihr zu schaffen. Doch mit beharrlicher und entwaffnender Freundlichkeit gewann sie die andere Frau schließlich für sich und alle anfänglichen Probleme lösten sich in Wohlgefallen auf.

Bei ihr ging es holterdipolter: Aus dem betreuten Wohnen kam sie ins Krankenhaus und von dort direkt ins Heim. Dass Anni-Emmerling-Haus hatte sie durch ihren Lebensgefährten kennen gelernt, der dort bis zu seinem Tod im vergangenen Sommer betreut wurde. Mit ihm hatte sie nach dem Tod ihres Ehemann „noch einmal 16 schöne Jahre“. „Für diese Zeit bin ich dankbar“, sagt die alte Dame, die viele Jahre als Verkäuferin gearbeitet hat.

Macht uns Spaß, wenn sich jemand so einbringt

Margarete Spengler geht nicht in die Kirche, aber sie betet. „Das hilft mir“, sagt sie. Sie hofft, dass sie immer besser lernt, „vor allem die Dinge annehmen zu können, die man nicht ändern kann“. Jeden Tag singt die Seniorin mit allen, die wollen - von 17.30 bis 18 Uhr. Zum Schluss leitet das Lied „Wir haben Hunger“ den Gang zum Abendbrottisch ein. Die Heimbeirats-Vorsitzende liebt ihre wöchentlichen Gymnastikstunden. Wenn sie kann, geht sie täglich eine ganze Stunde spazieren.

Auf den Rollator kann sie dabei aber nicht verzichten. Ihre Parkinson-Erkrankung und die Arthrose machen ihr arg zu schaffen. Deswegen ist es der betagten Dame auch nur dann möglich, einen Ausflug zu machen, wenn der vom Haus organisiert wird und es mit dem Kleinbus ins Grüne geht. Weil sich die Mitarbeiter aber viel Mühe geben, den Alltag mit kleinen Festen so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, ist oft etwas los.

„Dass macht uns Spaß, wenn sich jemand so einbringt“, lobt Susanne Hesel die Bewohnerin. Die stellvertretende Heimleiterin weiß, dass die Seniorin mit ihrer Freude und Energie ansteckend wirkt auf die anderen älteren Herrschaften. Obwohl nur wenige in einer ähnlich guten geistigen Verfassung sind wie sie. Eine Dame, mit der sich die 84-Jährige angefreundet hat und inzwischen per Du ist, bringt es immerhin auf stolze 93.

Hesel: „Ich konnte in den vergangenen zwölf Jahren beobachten, dass die Menschen immer stärker pflegebedürftig sind, wenn sie ins Heim kommen. Viele Bastelangebote, die wir früher gemacht haben, konnten wir nicht aufrechterhalten, weil es kaum jemand in Anspruch nehmen kann oder es fast in eine Einzelbetreuung münden würde.“

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