Offenbacher Migranten und Flüchtlinge als Chance

Migranten und Flüchtlinge als Chance

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Petra Klein vom Bekleidungsgeschäft M. Schneider und IHK-Geschäftsführer Friedrich Rixecker vertreten die Ansicht, dass Migranten vorteilhaft für den Standort Offenbach sind.

Offenbach - Migranten und Flüchtlinge sind eine Chance für Offenbach. Zu dieser Einschätzung kommen Petra Klein vom Bekleidungsgeschäft M. Schneider und Friedrich Rixecker, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach für Aus- und Weiterbildung zuständig, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Wie groß ist der Migrantenanteil an der Bevölkerung in Offenbach?

Rixecker: Im Moment sind es 58 Prozent in der Stadt. Das ist etwa doppelt so hoch wie im Kreis und im Land. 36 Prozent sind sogenannte Passausländer.

Was heißt das?

Rixecker: Sie haben keine deutsche Staatsangehörigkeit. Migranten haben zum Teil die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sind deshalb statistisch gar nicht greifbar. Bei den Auszubildenden ist der Migrationshintergrund gar nicht hinterlegt.

Das Jahresmotto der IHK lautet: Starker Standort Region Offenbach. Welchen Stellenwert haben Migranten für den regionalen Arbeitsmarkt?

Rixecker: Sie haben eine ganz wesentliche Bedeutung. Das ist ein erhebliches Potenzial. Klein: Sie haben auf jeden Fall einen großen Stellenwert. Wir haben viele Bewerbungen von Migranten. Da sind viele Menschen dabei, die ganz viel mitbringen für Unternehmen an persönlichen Eigenschaften. Natürlich sind auch die sprachlichen Fähigkeiten wichtig, weil wir Kunden mit dem gleichen Migrantenhintergrund haben. So hört man bei uns im Haus griechisch, türkisch und italienisch.

Welche Vor- und Nachteile gibt es für Unternehmen bei der Einstellung von Ausländern?

Klein: Das größte Problem ist auch bei den Auszubildenden die Sprache. Die Muttersprache ist oft noch die Herkunftssprache. Für viele, die in Deutschland geboren wurden oder schon lange hier leben, ist Deutsch nicht die Muttersprache. In den Familien wird oft die Heimatsprache gesprochen.

Warum sprechen sie nicht Deutsch?

Klein: Oftmals können die Eltern kein Deutsch. Deshalb ist in der Freizeit die deutsche Sprache nicht gegenwärtig.

Welche Herausforderungen sehen Sie noch?

Klein: Viele sind in den Familien gar nicht mehr sicher aufgehoben. Das gilt aber für ausländische wie für deutsche Kinder. Sie sind teilweise orientierungslos unterwegs.

Was heißt das?

Klein: Viele Ehen sind geschieden. Die Kinder werden hin- und hergereicht. Es gibt keinen festen Familienverbund. Die Jugendlichen kommen mit vielen persönlichen Problemen - teilweise psychische Probleme, teilweise schulische Probleme.

Gibt es denn schulische Defizite bei den Migranten?

Klein: Absolut. Es gibt sprachliche Defizite. Sie haben ihre eigene Ausdrucksweise, die deutsche Jugendliche übernehmen. Es mangelt auch am pünktlichen Auftreten, sich entschuldigen, wenn man zu spät kommt. Am guten Morgen sagen, auf Wiedersehen sagen. Solche Verhaltensweisen machen die Arbeit für Unternehmen sehr schwer. Wir müssen die Probleme ausbügeln. Man muss fast einen psychologischen Dienst einsetzen. Rixecker: Bei den Klagen der Unternehmen tritt der kulturelle Hintergrund immer mehr zurück. Die Statistik der Industrie- und Handelskammern zeigt aber, dass das Fehlen der Kulturtechniken das größte Problem ist. Es mangelt an Kulturtechniken wie Pünktlichkeit, Höflichkeit und Freundlichkeit. Darüber klagen fast 80 Prozent der Betriebe. Natürlich gibt es auch Defizite bei den mathematischen Fähigkeiten der Menschen. 

Welche Vorteile bringen Migranten mit?

Rixecker: Das Kennen verschiedener Kulturen, das Beherrschen verschiedener Sprachen - das sind erhebliche Vorteile. Das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Diese Vorteile ziehen sich durch alle Branchen.

Nutzen Firmen gezielt die Zweisprachigkeit?

Rixecker: Ja. Zum Beispiel im Einzelhandel gibt es einige Unternehmen, von denen ich das gehört habe.

Wie viel Migranten beschäftigt M. Schneider?

Klein: Was sind Migranten? Die Mitarbeiter mit türkischem oder griechischem Hintergrund sind eigentlich fast deutsch. Sie machen ungefähr 20 Prozent der Belegschaft aus.

Wie wichtig sind Migranten für die Besetzung von Lehrstellen?

Klein: Wir machen keinen Unterschied. Für uns ist wichtig, dass die Bewerber bestimmte Fähigkeiten mitbringen. Sie müssen sehr gut Deutsch sprechen. Sie müssen mit Menschen umgehen können. Sie müssen gerne auf andere zugehen.

Wie viele Auszubildende hat M. Schneider?

Klein: Wir haben sieben Lehrlinge.

Bei wie viel Mitarbeitern?

Klein: Es sind 90 Mitarbeiter. Das ist eine gute Quote.

Demografischer Wandel, Verrentung: In den nächsten Jahren werden in Deutschland Millionen Arbeitskräfte fehlen. Hunderte Flüchtlinge sind in der Region angekommen. Können Flüchtlinge den Fachkräftemangel beheben?

Rixecker: Ja, absolut. Sobald die Flüchtlinge ein Bleiberecht haben, sind sie Migranten. Auch sie sind ein erhebliches Potenzial, wobei wir deren Struktur noch verstehen müssen. Sie sollen einen Anteil an Akademikern von zehn Prozent haben. 20 Prozent sollen Analphabeten sein. Die Daten sind aber nicht sicher. Deshalb startet die IHK Offenbach ein Projekt. Wir haben uns das Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Ausländerbehörden, Arbeitsagenturen, Jobcentern und den Schulen, in denen die Intensivklassen Deutsch sind, nach jungen Menschen zu suchen, für die wir etwas tun können. Dabei geht es um Praktika, Einstiegsqualifizierungen und Ausbildung. Wir wollen den hiesigen Betrieben helfen, ihren Fachkräftebedarf zu decken.

Wann startet das Projekt?

Rixecker: Spätestens zum 1. Januar. Das hängt auch davon ab, wann wir die Stelle bei der IHK besetzen können, die wir dafür geschaffen haben.

Gibt es von Seiten der Unternehmen Interesse an den Flüchtlingen?

Rixecker: Wir haben das Thema im IHK-Präsidium diskutiert. Dort gibt es großes Interesse an der Zielgruppe.

Bilder: Umgang mit Flüchtlingen in der Region

Und was ist mit den vielen Flüchtlingen, die nicht ausgebildet sind?

Rixecker: Die Herausforderung ist gigantisch. Das ist allen klar. An den Berufsschulen im Kreis sind sogenannte Intensivklassen zum Erwerb der deutschen Sprache eingerichtet worden. Dort sind 250 Jugendliche unter 18 Jahren. Wir wollen mit ihnen in Kontakt kommen und schauen, ob sie in Betriebe passen.

Politik, Unternehmen und Gewerkschaften wollen Flüchtlinge schnell in Arbeit bringen. Doch es gibt Hürden. Nach Ablauf von drei Monaten können sie eine Arbeit suchen. Dazu benötigen sie eine Arbeitserlaubnis der Bundesagentur für Arbeit. Die gibt es allerdings nur, wenn es für den Job keinen mindestens gleich qualifizierten Bewerber aus der EU gibt. Erst 15 Monate nach dem Antrag fällt diese sogenannte Vorrangprüfung für Asylbewerber weg. Ist die Regelung noch zeitgemäß?

Rixecker: Die Rechtslage ändert sich täglich. Die Vorrangprüfung ist zum Beispiel für Auszubildende entfallen. Es gibt das Bestreben, die Zahl der Berufe, für die das gilt, deutlich einzuschränken. Und wir haben Signale von den Ausländerbehörden, dass man mit diesen Vorschriften sehr flexibel umgehen will. Es wird eine Herausforderung sein, formale Hürden, die nicht mehr zeitgemäß sind, zu lockern.

Welche Hürden gibt es bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Ausbildungs- und Hochschulabschlüssen?

Rixecker: Die IHK Offenbach kümmert sich um dieses Thema seit drei Jahren. Die Kammer macht die Erstberatung. Die Anträge werden dann bei einer Stelle in Nürnberg bearbeitet, die die IHKs gemeinsam eingerichtet haben. Bisher gab es etwa 180 Anerkennungen - aber nur von IHK-Berufen. Die Zahlen sind nicht so, wie wir uns das vorstellen. Das ist im bundesweiten Vergleich aber ein passabler zehnter Platz.

Deutschland nimmt Tausende Flüchtlinge auf

Weiten sie die Beratung auf Flüchtlinge aus?

Rixecker: Ja, auf diejenigen, die bereits einen Beruf haben. Das Problem wird sein, ob es Dokumente gibt. Sonst geht es darum, die Fähigkeiten festzustellen. Es gibt Überlegungen, sogenannte Kompetenzfeststellungs-Verfahren zu entwickeln. Darum kümmern sich die IHKs in Deutschland.

Flüchtlinge sind für Firmen ein Risiko. Bei Geduldeten wird der Aufenthaltstitel immer nur um ein Jahr verlängert. Stellen Unternehmen diese Flüchtlinge ein?

Rixecker: Die Unternehmen brauchen Rechtssicherheit. Deshalb unsere Forderung drei plus zwei. Der Aufenthalt muss für die dreijährige Ausbildung und für zwei Jahre danach gesichert sein. Schließlich investiert ein Betrieb etwa 50.000 bis 70.000 Euro.

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