„Wir sind doch Kinder“

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Künstler Jos Diegel weiß, die jungen Teilnehmer des Kunstprojektes in der Kita 3 im Nordend auf kreative Arbeit neugierig zu machen.

Offenbach - Im Hinterhof der Rathenaustraße 38 wird es eng. Dicht an dicht stehen die Autos. Ohne Mut und geschickte Fahrkünste geht auf dem grauen Pflaster zwischen Vorder- und Hinterhaus nichts mehr. Das ist jeden Mittwoch so. Von Katharina Skalli

Dann schwingt eine crèmefarbene Tür auf und sieben Kinder purzeln in die beiden Kleinbusse. Kinder des Kunstprojekts der Frankfurter Viktor-Frankl-Schule und der Künstlerhilfe Frankfurt.

„Tschüss Laura!“ Ein Schüler winkt wild der Bildhauerin Laura Baginski zu, die auf dem Vorsprung zu ihrem Atelier steht und die Kleinen verabschiedet. Seit drei Jahren kommen die geistig und körperlich behinderten Kinder der Frankfurter Schule einmal in der Woche nach Offenbach, um mit der Studentin der Hochschule für Gestaltung (HfG) kreativ zu werden. Im Hinterhof trifft Kunst auf Kinder und das Ergebnis ist meist bunt und spannend.

Auch in der Kita 3 in der Rödernstraße gehören Kreativ-Projekte der Erzieherinnen mit den Kindern zum Programm. Aber das Projekt, mit dem „richtigen“ Künstler Jos Diegel zusammenzuarbeiten, ist neu. Mehrmals in der Woche radelt Jos Diegel ins Nordend, Ebenso wie für Laura Baginski ist für ihn das Arbeiten mit den Drei- bis Sechsjährigen eine neue Erfahrung. Jeder Teilnehmer drückt seine Bedürfnisse anders aus. Es gibt Kinder im Rollstuhl und Jugendliche mit starken Spasmen oder Epilepsie. Einige benötigen ständige Betreuung, andere nur Hilfe bei kniffligen Aufgaben. An seinem ersten Tag musste der 29-Jährige erst einmal die Eindrücke verarbeiten. „Da waren überall diese kleinen Menschen um mich herum“, lacht er.

Anfänge waren klassisch

Mittlerweile fühlt er sich in der Kindertagesstätte sehr wohl. Das Konzept ist offen. „Ich habe versucht, herauszufinden, was die Kinder gerne machen möchten“, sagt Jos Diegel. Die Anfänge waren klassisch: Farbkreise malen, Farben kennenlernen und mischen. „Als aus Weiß und Rot Rosa wurde, begeisterte das vor allem die Mädchen“, berichtet der Offenbacher.

Schnell ging es aber an die richtigen Arbeiten. Mal motivierte er die Kinder, etwas Eigenes zu malen, mal entwarfen sie gemeinsam ein fiktives Kinoplakat, und ein anderes Mal ließ Diegel sie eine seiner Malereien interpretieren. „Macht was draus“ hat er gesagt und wurde von den Ergebnissen überrascht.

Nach vier Monaten in der Kita weiß er nicht nur, wie anstrengend der Alltag für die Erzieherinnen sein kann, sondern auch wie unbedarft Kinder mit Kunst umgehen. Vor allem die Art, wie sie die Welt betrachten, hat ihn fasziniert. Zum Abschluss präsentieren er und die Kleinen ihre Arbeiten in der Kita 3 und im Waggon am Kulturgleis. Die Zusammenarbeit mit dem Waggon, der Kulturinitiative am Main, ist etwas Besonderes, da die Kinder ihre Werke der Öffentlichkeit vorstellen.

„Kleine Leute – Keine Sorge, die Avantgarde ist nicht zurück“ heißt die Ausstellung. Der Titel ist inspiriert durch eine Unterhaltung mit den Kindern. „Wir sind doch keine Leute“, sagte ein kleiner Junge aus der Künstler-Gruppe um Jos Diegel empört, „wir sind doch Kinder“. Bereits im März waren die Werke der Kinder von Laura Baginski in Sachsenhausen zu sehen.

Ideen so umsetzen, dass sie funktionieren

Hinter dem Konzept steht der Lions Club Rhein-Main. Er finanziert die Kunstprojekte, die sich an zwei Grundlagen orientieren: Der Arbeitsort liegt außerhalb der Schule und es wird frei gearbeitet. Baginski und Lehrerin Maja Scheuffele helfen den Schülern, ihre Ideen so umzusetzen, dass sie funktionieren. „Die Ergebnisse sind experimentell“, sagt die Künstlerin.

Mittlerweile sind die Kinder ihre Lehrer. Immer wieder ist sie fasziniert, was sie aus den Materialien zaubern. Pädagogisch ausgebildet wurden Jos Diegel und Laura Baginski für ihre Arbeit mit Kindern nicht. An der HfG gibt es keine kunstpädagogischen Seminare. Die hätte Projektleiterin Brigitte Holtermann ohnehin nicht besucht.

Die 29-Jährige arbeitet seit vielen Jahren mit Kindern und hat sich gegen die Möglichkeit entschieden, auf ihr HfG-Diplom noch eine kunstpädagogische Qualifikation zu setzen. „Ich finde, dass es beim künstlerischen Schaffen nicht auf pädagogisches Wissen ankommt, sondern auf freien Geist und Ideen“, sagt die Illustratorin, die in ihrer Jugend Praktika in Kindergärten und Behindertenstätten absolviert hat.

Schon viel geschafft

In einem Kinderdorf in Guatemala entwickelte sie Kunstprojekte. Als sie zurück kam, gründete sie mit ihrem Freund Loimi Brautmann das Puppentheater „Wurmale“. Dann lief sie mit einem Konzept für ein Kindercafé im Stadtteilbüro Mathildenplatz ein und setzte 2007 mit Unterstützung der Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) und dem Projekt „Besser Leben in Offenbach“ das „KiKuMa“ (Kinder Kunst Mathildenplatz) um. 2009 entstand daraus das Feriencamp KiKuReDo (Kinder-Kunst-Recycling-Dorf) und schließlich das Konzept für ein Kunst-Mobil, das mit der Jugendkunstschule umgesetzt wurde.

Seit November rücken Holtermann und ihr Team, das zu einem großen Teil aus HfG-Studierenden besteht, bei jedem Wetter aus. Im Winter bleiben die Materialien schon Mal im Bus und es werden Schneeskulpturen gebaut. „Ich liebe Kinder und ihre Art, wie sie die Welt verstehen“, sagt sie. „Ich möchte, dass sie mit ihren Prinzessinnentürmen bis in den Himmel wachsen und Schlangenbegrenzungsanlagen bauen.“ Freies Arbeiten mit nur wenigen Anleitungen und fantasiefördernder Umgang mit Ideen und Material sind ihr wichtig. Und ihre Schützlinge haben ihr beigebracht: „Ein ,So macht man das’ gibt es nicht.“

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