„Wir stinken nur zurück“

Offenbach - Die gallische Geschichte dürfte, so wie sie von Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo zu Papier gebracht ist, durchaus bekannt sein: Ein kleines Dorf leistet den Römern heftigen Widerstand. Von Martin Kuhn

Dank eines Zaubertranks, den Miraculix braut, sind die Dörfler unbesiegbar. Heute heißt das Dorf Bürgel, der Druide Gerhard Plath, seine fürchterlichste Waffe ist der Handkäs. Den schleudert der Architekt mit einer Wurfmaschine nach Leonardo da Vincis Entwürfen den Feinden entgegen. Das sind längst keine Römer mehr, sondern – und das nicht allein in seinen Augen – künftige Luftverpester auf dem Gelände des Fechenheimer Industrieparks.

„Haste gehört, der Gerhard ist im Radio.“ Klar, stand ja am Samstag in unserer Zeitung. Der Sender, der Nachrichten fünf Minuten früher auf den Punkt bringt, vermeldet’s gestern im steten Rhythmus: „Offenbacher wirft Handkäs auf Frankfurt.“ Das gesteigerte Medieninteresse macht Plath am Tag des Probeschusses etwas nervös und treibt ihm nicht allein wegen der sengenden Hitze die Schweißperlen auf die Stirn.

Klappt alles wie berechnet? Oder geht der Schuss nach hinten los? Gedanken, die vielleicht auch den geistigen Vater der Konstruktiven vor gut 500 Jahren umgetrieben haben. Der Bürgeler überlässt nichts dem Zufall, wässert morgens in der Werkstatt nochmals die Spannbögen. 14.50 Uhr. Das Zentralgestirn brennt. Kamerateams und Fotografen umschwirren den Bürgeler, der auf dem Gelände des Wassersportvereins letzte Vorbereitungen trifft. Sein Nachbau liegt säuberlich zerlegt im Schatten. Nun wird’s ernst.

Zwei Wochen alter Offenbacher Handkäse

Der Architekt fettet die Trommel ein, hält ein Teil der Holzkonstruktion in die Kamera: „Nach alter Tradition der wandernden Zimmerleute beschriftet. Den Katapult kann daher jeder richtig zusammenbauen.“ 50 Zuschauer lauschen den Ausführungen. Dann geht es mit Hilfe von Heinz Weber ruckzuck. Teile gereicht, eingepasst, ein Schlag mit der Handfläche – passt. Schnell mit kleinen Holzstücken verkeilt, die Spannbögen und den Wurfteller eingesteckt. Kurz nach 15 Uhr ist die Konstruktion einsatzbereit.

Es ist die einzige Abkehr von da Vincis Original: Gerhard Plath fixiert die Wurfmaschine, die ansonsten nur aus Holz besteht, mit Sechskantschrauben. Bei einer Zugkraft von etwa einer Tonne brechen später beide Bögen. Zwei neue, leicht veränderte, gibt er noch an Ort und Stelle in Auftrag.

Wie auf Kommando erscheinen zwei weitere Polizisten. „Ah, die Frankfurter Kollegen“, klärt ein Beamter des hiesigen Präsidiums auf und fügt grinsend hinzu: „Die trauen uns wohl nicht.“ Auch die Kollegen von der anderen Mainseite nehmen den angekündigten Probeschuss mit Humor: „Wir haben Frankfurter Handkäs dabei.“ Den lehnt Lokalpatriot Plath selbstredend ab: „Offenbacher Handkäs, zwei Wochen alt. Sonst nichts.“ Während der Architekt alles für den Probeschuss vorbereitet, wollen es die Kollegen wissen. Warum macht sich jemand so eine Mühe? Plath spricht vom Reiz der Konstruktion und davon, das Anliegen der Bürgeler gegen das Stinkkraftwerk zu unterstützen. „Wir stinken nur zurück, die haben angefangen.“ Werner Scholz, Sprecher der BI Zukunft Fechenheim, applaudiert. Während Plath an seiner fliegenden Protestnote bastelt, trägt Scholz sie auf der Brust: Braunkohle ist nur zum Grillen da. Plaths Botschaft an die Betreiber des Industrieparks: „Mit Offenbacher Protest ist zu rechnen.“

Bilder vom Handkäse-Protest

Protest mit Handkäs-Schleuder

Aber genug der Worte. Die Bögen sind gespannt, der Handkäs ruht im Wurfteller – und Feuer. Ein kollektives Stöhnen. In fünf Meter Entfernung landet der Stinker. „Da kann sich Allessa zurücklehnen“, unkt die Reporterin.

„Wir fangen gerade an“, pariert Plath diesen Seitenhieb. Die Bogen nochmals gespannt, das Zahnrad rastet dreimal ein – gut 10 Meter. Der Rekord für diesen Nachmittag liegt später bei annähernd 20 Metern und bringt dem Bürgeler viel Schulterklopfen ein. Er strahlt. Daran ändert auch der finale Versuch nichts mehr. Um 15.48 Uhr ist’s vorbei. Ein Spannbogen splittert, ein paar Sekunden später der zweite – bei einer Zugkraft von einer Tonne. Die Nachbesprechung mit den Schreinern geht schnell, zwei neue Bögen sind mündlich bestellt. Und vielleicht liegt ja im August endlich die Genehmigung des Wasser- und Schifffahrtsamts vor, auch über den Main zu schießen. Gestern spielte sich alles auf hiesigem Gelände ab...

Kommentare