Wird Rian Hauptschüler, nur weil er nicht laufen kann?

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In der neuen Schule fühlt er sich wohl: Rian Sunthbocus.

Offenbach ‐ Rians Vater versteht die Welt nicht mehr. „Das ist doch eine humanitäre Angelegenheit“, sagt Reza Sunthbocus. Er wolle doch nur das Beste für seinen zwölfjährigen Sohn, dessen körperliche Behinderung schon Bürde genug ist. Von Fabian El-Cheikh

Nun aber muss sich der Offenbacher auch noch über die Behörden ärgern, die seiner Ansicht nach Rian die notwendige Unterstützung verweigern.

Rians Schicksal ist ein ungewöhnliches: Nachdem er zunächst wie andere Kinder Laufen lernte, wurde er im Alter von zwei, drei Jahren immer unsicher auf den Beinen, musste sich abstützen und fiel immer wieder hin. Bald konnte er nur noch über den Boden robben.

Immer neue Diagnosen wurden gestellt

Die Ursache für Rians Krankheit kennen die aus Mauritius stammenden Eltern bis heute nicht. Der in Offenbach geborene Junge konsultierte seinerzeit zahlreiche Ärzte zunächst im Stadtkrankenhaus, dann in Spezialkliniken in Wiesbaden, Essen und in der Berliner Charité. Immer neue Diagnosen wurden gestellt und wieder verworfen. Am Ende der Odyssee durch die Krankenhäuser stand als wahrscheinlichste Ursache eine vom Nervensystem ausgehende Muskelerkrankung im Raum.

Im Moment jedoch plagen Rians Eltern ganz andere Sorgen. Die Herbstferien sind vorbei und Rian muss wieder jeden Morgen in die Schule gebracht und nachmittags abgeholt werden. Aufgrund seiner Behinderung hatte das Staatliche Schulamt schon vor Jahren den sonderpädagogischen Förderbedarf Rians festgestellt. Rian erhielt einen kostenlosen Schultransport und einen so genannten Integrationshelfer zugewiesen. Träger der Kosten ist das Sozialamt Offenbach. Und das stellt sich nun quer, will die Beförderungskosten nicht mehr übernehmen. Der Grund: Rian wechselte nach der Grundschule auf Wunsch der Eltern auf eine private Schule in Dreieich, deren Schulzeugnisse ohne gesonderte staatliche Prüfung in Deutschland nicht anerkannt sind. Damit sei die Grenze der Sozialhilfe erreicht, denn die „Angemessenheit der Leistung“ nicht mehr gegeben.

Eltern berufen sich auf ein früheres Gutachten der EKS

Das Problem: Das Staatliche Schulamt wollte Rian eigentlich in die Erich-Kästner-Schule (EKS) nach Langen einweisen, eine staatliche Schule, an der Körperbehinderte ihren Hauptschulabschluss machen können. Dorthin gebe es einen regulären Schulbus und die Pädagogen vor Ort seien speziell geschult, so dass keine Schulbegleitung für den Jungen notwendig geworden und keine zusätzlichen Kosten für die Stadt Offenbach angefallen wären. Doch die Eltern berufen sich auf ein früheres Gutachten der EKS, demnach Rian gut entwickelt und eine sonderpädagogische Förderung nicht erforderlich sei.

„Wir wollen gerade wegen seiner Behinderung die beste Ausbildung für unseren Sohn“, rechtfertigen die Eltern ihre Entscheidung, die zweifelsfrei mit hohen Kosten verbunden ist: „Wir können uns die Gebühren selbst gar nicht leisten. Die ganze Familie legt zusammen, um Rian den Unterricht dort zu ermöglichen.“ Wie lange das klappt, wissen sie nicht, nur soviel: „Rian fühlt sich in Dreieich sehr wohl, hat schon Freunde gefunden und laut den Lehrern arbeitet er sehr hart. Im Englischunterricht ist er sogar der Beste.“

Behörden wollen nun einen Weg finden

Zuletzt mussten die Sunthbocus’ ihren Sohn selbst nach Dreieich fahren. Eine große Belastung, da beide Eltern berufstätig sind. Auf Anfrage unserer Zeitung wollen die zuständigen Behörden nun aber einen Weg finden, der Familie zu helfen. „Wir sind sehr daran interessiert, dass das Problem gelöst wird“, betont Ingrid Zoller vom Staatlichen Schulamt. Und auch Sozialamtsleiter Hans-Günter Neidel macht Hoffnung: „Wir übernehmen noch einmal vier Wochen lang die Beförderungskosten, um Zeit für eine Lösung zu gewinnen.“ Man wolle einen Härtefall vermeiden.

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