Heute schläft die Rosi aus

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„Ich bin eine verrückte Nudel“: Wirtin Rosi Neels in ihren Bierpub.

Bieber - Ihr Haar leuchtet grellrot, die Finger zieren dicke Ringe, ihre Augen blitzen schelmisch. Rosi Neels ist eine Frau, die auffällt. Sie liebt es, laut und herzlich zu lachen, Bier zu zapfen, mit den Gästen zu schäkern. Von Veronika Szeherova

„Ich bin eine verrückte Nudel“, sagt die Wirtin von „Rosis Bierpub“ über sich. Gestern wurde sie 70 Jahre alt.

Das musste gewürdigt werden – wo sonst als in ihrer gemütlichen Kneipe an der Aschaffenburger Straße 118? Zwei lange Abende des Feierns liegen hinter ihr, heute schläft Rosi erst mal gründlich aus. Ab 18 Uhr will sie aber wieder am Tresen stehen – frisch und fröhlich wie immer. „Mein Kneipchen ist meine Leidenschaft“, sagt sie.

Und es scheint, als sei der Bierpub auch ihr Jungbrunnen: „Reich werde ich nicht. Aber ich bin jeden Tag zufrieden.“ Sie schaut sich lächelnd um. „Hier ist eine Menge Klimbim, das hat sich mit der Zeit so angesammelt.“ Wackel-Elvis, Hexe mit einem nacktem Hintern, Poster und Zeitungsausschnitte, jede Nische ist besetzt, kein Fleckchen verschwendet. „Als ich die Kneipe vor 17 Jahren übernahm, war sie noch ganz nackig“, erinnert sich Rosi Neels. „Heute sagen die Gäste, es ist wie im Wohnzimmer.“

An Spieltagen stehen Gäste bis auf die Straße

Besonders stolz ist sie auf ihre selbst geschossenen Fotos, die ganze Wände zieren. Feiernde Gäste sind darauf zu sehen und die Menschen und Momente, die ihr etwas bedeuten. Die meisten Bilder haben mit den Offenbacher Kickers zu tun. „Ich habe sie alle kennengelernt: Waldemar Klein, Hermann Nuber, Rudi Völler und Otto Rehhagel“, erzählt sie und zeigt auf Fotos. „Heute kommen leider nur noch ganz selten Spieler oder Trainer zu mir in die Kneipe.“ Dafür sind und bleiben die Fans des OFC ihre wichtigste Klientel. An Spieltagen quillt Rosis Bierpub über. Oft stehen die Gäste bis auf die Straße.

Dann holt Rosi sich ausnahmsweise Unterstützung, meist von ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter. Sonst stemmt sie die Kneipe ganz allein. „Ich bin für die Gäste wie eine Mutter, und ich habe sie alle gut im Griff“, sagt sie selbstbewusst. „Wenn man 40 Jahre in der Gastronomie arbeitet, sammelt man seine Erfahrungen und weiß, wie man sich verhalten soll.“ Vor allem die Kickers-Fans zollten ihr viel Anerkennung. Schließlich war Rosi nach eigener Auskunft die erste Frau im Förderkreis des OFC, sponserte die Kickers von 1986 bis 1994.

Früher Eintracht-Fan

Die Liebe zum Verein kam erst mit der Zeit. Sie mag es kaum zugeben, doch vorher war die gebürtige Magdeburgerin Fan der Frankfurter Eintracht. „Vor etwa 55 Jahren kam ich nach Frankfurt“, erzählt die Jubilarin. „Dort war ich immer mit Leuten wie Alfred Pfaff und Richard Kress zusammen.“ Als Sportkeglerin verschlug es sie eines Tages ins Bieberer Bowlingcenter, wo sie nicht nur spielte, sondern später für zehn Jahre die Bar übernahm. Und wer in Bieber arbeitet, hat es als Eintracht-Fan schwer. Die Bekehrung ließ nicht lange auf sich warten. „Die Gäste sorgten schon dafür, dass nichts von der Eintracht übrig blieb“, sagt Rosi kein bisschen böse.

Denn die Wirtin hat ein großes Herz für ihre „sehr netten Stammgäste aus allen Bevölkerungsschichten“. Viel Zeit verbringt sie mit ihnen: „7.30 Uhr war die bisher längste Nacht, den Sonnenaufgang verpasse ich schon mal.“ Vor 15 Jahren zog sie in eine Wohnung gegenüber. Eine große Verbesserung. „Mir wurde mal der Führerschein weggenommen“, gesteht sie. Nun kann sie mit ihren Gästen trinken, wenn auch in Maßen: „Ich mache mir Rotweinschorlen mit viel Wasser. Da bleibt der Kopf klar.“ Den braucht die zweifache Mutter und Oma einer 14-jährigen Enkelin auch, um die Rechnungen richtig hinzubekommen: „Ich habe keine Kasse, ich rechne alles im Kopf.“

Ein anderes Leben kann sich Rosi Neels nicht vorstellen. Mit aller Kraft setzt sie sich für ihren Bierpub ein, kennt Höhen und Tiefen. „Ich hatte ein Jahr eine sehr kritische Zeit und war kurz davor, die Kneipe aufzugeben“, erinnert sie sich. „Mein Geld war alle, aber die Stammkunden überzeugten mich, es weiter zu versuchen.“ Dafür sei sie sehr dankbar: „Mein Herz hängt hier.“ Und so soll es bleiben. Ruhestand? Die 70-Jährige lacht wieder herzhaft: „Ich mache so lange weiter, bis sie mich mit den Füßen zuerst raustragen...“

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