Wo bleibt das Recht auf Spiel?

Kinder- und Jugendfarmvorstand sieht Bedürfnisse von Kindern zu wenig beachtet

„Betreten verboten“ Kinder- und Jugendfarm Simon Isser
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„Betreten verboten“ ist zurzeit das unfreiwillige Motto der Kinder- und Jugendfarm. Simon Isser hofft, dass bald wieder Leben einkehrt.

Die Corona-Maßnahmen fordern gerade von Kindern und Jugendlichen viel Verzicht ab. Dass ihre Bedürfnisse zu kurz kommen und häufig einfach außen vor gelassen werden, kritisiert Simon Isser, Leiter der Offenbacher Kinder- und Jugendfarm und Beiratsmitglied im Bündnis „Recht auf Spiel“. 

Offenbach - Wo sonst Kinderlachen ertönt, Füßchen über die Wiese flitzen, kleine Hände gemeinsam etwas basteln, herrscht nun gähnende Leere. Die Kinder- und Jugendfarm ist seit einem halben Jahr in coronabedingter Zwangspause. „Unser Rasen sah noch nie so gut aus wie jetzt“, witzelt Simon Isser vom Vereinsvorstand. Doch es ist kein Anblick, an den er sich gewöhnen möchte.

Isser, der auch Beiratsmitglied im Bündnis „Recht auf Spiel“ innerhalb des Deutschen Kinderhilfswerks ist und in Offenbach als Erzieher arbeitet, sieht die Interessen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen bei den Pandemie-Maßnahmen zu wenig berücksichtigt. „Sie werden wahrgenommen als zu betreuendes Anhängsel berufstätiger Eltern. Dabei müssen gerade sie die meisten Einschnitte hinnehmen.“

Soziale Systeme wie Schule und Kita sind weggebrochen, Anlaufstellen wie Jugendzentren oder Möglichkeiten der Freizeitgestaltung etwa in Vereinen fehlen. „Sie bekommen keinerlei positive Bestätigung mehr, können kaum noch Erfahrungen sammeln außerhalb ihrer eigenen vier Wände.“ Die Folgen davon zeigen sich nun in aller Härte. Kinder- und Jugendpsychotherapeuten haben lange Wartelisten, an Psychiatrien ist gar von Triage die Rede. „Das geht nicht spurlos an den Kindern vorbei“, beobachtet auch Isser.

Jetzt sieht er eine Diskussion darüber im vollen Gange, dass Geimpfte und Genesene ihre Freiheiten zurückbekommen. Doch auch dabei würden die Kinder unerwähnt gelassen, kritisiert er. „Haben sie etwa keine Grundrechte?“ Er bezeichnet es als grotesk, dass geimpfte Eltern nach Urlaubsreisen nicht in Quarantäne müssen, die Kinder aber schon. „Das geht völlig an der Lebenswirklichkeit vorbei.“ Es werde inbrünstig die Öffnung von Schuhgeschäften herbeigesehnt, während niemand sagen könne, wann der Jugendtreff wieder aufmache.

„Die Kinder und Jugendlichen werden bei all diesen Dingen einfach nicht gefragt und außen vor gelassen“, so Isser. Dabei haben sie, betont er, ein Recht auf Spiel. „Sie brauchen freie Räume zum Treffen, zum Spielen, zum Entfalten. Die fehlen schon zu lange. Zumal Kinder die Zeit ganz anders wahrnehmen als Erwachsene.“ Pauschale Schließungen betrachtet er als falsche Lösung. „Mittlerweile hat wirklich jeder sinnvolle und funktionierende Hygienekonzepte entwickelt.“

So stehe in Volkshoch- und Musikschule oder bei Vereinen deutlich mehr Platz zur Verfügung als daheim im Wohnzimmer. Sichere Angebote seien dort gut möglich, stattdessen fänden Treffen fast nur im privaten Raum statt. „Es gibt tolle Angebote wie das Spielmobil, die auch auf Distanz den Kindern Abwechslung und sinnvolle Beschäftigung bieten. Mit ein bisschen Grips und Willen lässt sich sehr viel machen.“ Doch solche Möglichkeiten seien zu rar. „Dabei wären gerade in einer Stadt wie Offenbach mehr Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung ein Teil der Lösung, und nicht des Problems.“

An der frischen Luft, ob beim Sport oder beim Spielen, sei das Ansteckungsrisiko geringer als in geschlossenen Räumen. Ein wichtiger Punkt, an dem man ansetzen könne: „Warum nicht den Unterricht oder Kurs draußen anbieten?“ Erleichtert ist Isser, dass Spielplätze, anders als vor einem Jahr, geöffnet sind. Doch die allein genügen nicht. „Wir brauchen mehr naturnahe Spiel- und Erfahrungsräume.“ Corona werfe ein Schlaglicht auf Probleme, die zuvor schon da waren, und verstärke sie noch.

Zu viele Kinder verbrächten zu viel Zeit medienkonsumierend auf dem Sofa. „Die Attraktivität echten Spielens muss für sie erst wieder erfahrbar werden.“ Sei das Computerspiel noch so spannend und das digitale Lernprogramm noch so gut – reale Erfahrungen könnten niemals ersetzt werden. Gerade deshalb sei es so wichtig, möglichst viele Angebote zu öffnen. Wie die Kinder- und Jugendfarm, die in normalen Zeiten von hunderten Kindern aufgesucht wird, oft aus Familien mit kleinem Budget. „Wir müssen wieder von vorne anfangen und die Beziehungen neu aufbauen. Die Bindung ist jetzt bei Null“, bedauert der Farm-Vorstand.

Die seit mehr als einem Jahr andauernde Unplanbarkeit sei eine große Herausforderung. „Es ist schwer, Ehrenamtliche einzuplanen. Man muss sich zusammenreißen, um weiterzumachen.“ Im Stillstand hat sich der Verein dennoch so gut wie möglich für die Zukunft gerüstet. „Wenn wir wieder öffnen dürfen, werden die Voraussetzungen andere sein als vor Corona“, sagt Isser. So wurden neue Spiel- und Erfahrungsstationen gebaut, an denen Kinder alleine und in Kleinstgruppen agieren können. „Es ist großartig, was mit Spenden geleistet wurde“, freut er sich über Unterstützung. Und kann es kaum erwarten, bis dort wieder Leben einkehrt. Sinkende Inzidenzen stimmen schon mal zuversichtlich...

Von Veronika Schade

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