Wogen und Wellen überbrückt

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Horst Schneider ehrte Annemarie Glombitza für ihr Engagement mit Rathausmedaille und Blumen.

Offenbach - Alle Laudatoren sind sich an diesem Abend einig: Pro Familia hat es sich nie einfach gemacht. Für eine selbstbestimmte Sexualität hat sich die Beratungsstelle immer eingesetzt und dem oft scharfen Gegenwind getrotzt - seit 40 Jahren auch in Offenbach. Von Katharina Hempel

Diese lange Tradition bietet genug Anlass zum Feiern. Genau das tat die Beratungsstelle am Mittwochabend. Knapp 40 Gäste hatten sich dafür im Talbergmuseum versammelt. Zwischen unverputzten oder geklinkerten Wänden, vor bunt lackierten Geweihen und angekokelten Leinwänden lassen sie in dem Häuschen auf dem ehemaligen Fabrikgelände an der Ludwigstraße ihre Sektflöten klingen.

Einmal so sehr, dass ein ganzes Tablett mit Schampusgläsern zu Boden scheppert. Während Stadtkämmerer Michael Beseler sich noch mit Kehrblech und Handbesen an den Aufräumarbeiten beteiligt, nutzt das Vorstandsmitglied Joachim Hoehn die Ruhe nach dem Knall, um seine Gäste zu begrüßen. Dabei lässt er die „Vita“ der Einrichtung Revue passieren. Er habe sich bewusst für den Ausdruck „Vita“ entschieden, weil es sich um die Chronik einer vitalen Einrichtung handele, die sich immer bemühe, aktuell die Themen der Menschen dieser Stadt in den Bereichen Sexualität, Beziehung und Gesundheit aufzunehmen, so Hoehn.

Sexualberatung ist noch notwendig

Vor 40 Jahren war das zum Beispiel der Kampf gegen Paragraph 218 des Strafgesetzbuchs, der für einen Schwangerschaftsabbruch eine Freiheitsstrafe vorsah. „Als Pro Familia gegründet wurde, war ich 19 Jahre alt, da ging es um den umstrittenen Paragraphen, die Studentenrevolte... Da war schon was los. Dass 40 Jahre danach Sexualberatung noch notwendig ist, hätten wir uns damals nicht gedacht“, erinnert sich Oberbürgermeister Horst Schneider. Doch leider oder Gott sei Dank sei der Verein nicht überflüssig geworden und leiste immer noch wertvolle Arbeit, „damit Menschen und Geschlechter friedlich miteinander umgehen“, so Schneider.

Dafür setzt sich auch Annemarie Glombitza seit mehr als einem Vierteljahrhundert ein. Die 90-Jährige war lange Mitarbeiterin bei Pro Familia. Den Erstkontakt und die Sprechstunden hat sie zunächst ehrenamtlich, später dann als Honorarkraft angeboten. Diese Verdienste und ihr ehrenamtliches Engagement würdigt der Oberbürgermeister mit der Rathausmedaille und natürlich einer Urkunde und Blumen. Noch heute sitzt die alte Dame für Pro Familia in der Kommission zur gesellschaftlichen Gleichstellung der Frau.

„Über vieles wird jetzt mehr, aber immer noch nicht so richtig gesprochen“, findet Bürgermeisterin Birgit Simon. „Da ist Pro Familia vor 40 Jahren schon einen schweren Weg gegangen. Aber sie haben es immer wieder geschafft, gesellschaftlichen Wogen und Wellen zu widerstehen und sie zu überbrücken - mit unglaublicher Professionalität und wertvoller Arbeit.“

„Die Uferlosen“ singen von der Liebe

Dem zollt auch Dr. Ingrid Munk ihre Anerkennung und erinnert sich: „Anfang der Achtziger hatte Pro Familia einen schweren Stand. Damals war eine liberale Haltung zu Sexualität und Aufklärung nicht selbstverständlich.“ Die Chefärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Vivantes Klinikums in Berlin-Neukölln beschließt die Reihe der Gratulanten mit einem Kurzvortrag über Migration und psychische Belastung. „Kultursensibilität, das sage ich auch meinen Mitarbeitern immer wieder, heißt nicht Klischees wiederzufinden, sonder sich um Verstehen und Nachvollziehen zu bemühen.“ Und genau das tue Pro Familia und genieße dafür ihre Hochachtung.

Sensibilisiert werden die Gäste auch musikalisch. Der „schwuLesbische“ Chor „Die Uferlosen“ aus Mainz und Wiesbaden singt von den Spielarten und Schwierigkeiten der Liebe. Die Themenvielfalt ist dabei so bunt wie die T-Shirts und Hemden der a cappella-Sängerinnen und -Sänger. Zu bekannten Schlager- und Evergreen-Melodien präsentiert die farbenfrohe Gruppe selbstgeschriebene Texte. Lustig und ironisch. So ist bei den Uferlosen die Lesbe Rosa statt des Bossanovas schuld und der Bekanntschaft vom letzten Abend singen sie zu „Dream a little dream of me“ eine gute Nacht.

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