Woher der Wind weht

Offenbach - Es kann nie verkehrt sein, zu wissen, woher der Wind weht. Das dachte sich man sich auch im städtischen Umweltamt, wo nun eine Studie auf dem Tisch liegt, in der das Stadtklima unter die Lupe genommen wurde. Von Matthias Dahmer

Die knapp 15.000 Euro teure Untersuchung der Uni Kassel soll künftig bei der städtebaulichen Entwicklung mit berücksichtigt werden.

Die flächendeckende Analyse, festgehalten auf einer Klimafunktionskarte, stellt auf wissenschaftliche Füße, was der Offenbacher im Sommer ohnehin am eigenen Leib erfährt: Besonders warm ist es dort, wo die Bebauung am dichtesten ist. Die Innenstadt nördlich und südlich der Bahn sowie die Gewerbegebiete Kaiserlei, Sprendlinger und Mühlheimer Straße sowie Waldhof haben die Forscher um Professor Lutz Katzschner als sogenannte Überwärmungsgebiete ausgemacht. Am anderen Ende der Skala befinden sich der Mainbogen in Bürgel und Rumpenheim, das Gelände rund um Bieber sowie der Wald im Süden Offenbachs - alles Fläche, die zur nötigen nächtlichen Abkühlung beitragen und Frischluft produzieren.

Neben der Bedeutung des Freihaltens der Ost-West-Achse für die Luftzufuhr hat Katzschner als besondere Wetterphänomene für die Stadt die nächtlichen Abwinde aus der Wetterau sowie - allerdings weniger im Sommer - die Inversions-Neigung ausgemacht, sprich den fehlenden vertikal Luftaustausch bei schwachem Wind. Der Sommer in Offenbach gilt bei den Kasseler Klima-Experten als „warm bis überhitzt“. Die Flugzeuge am Himmel spielen für die lokale Temperatur keine Rolle.

Welche Schlüsse die Stadt aus den Daten zieht, muss im Einzelfall entschieden werden, es hängt von den bis auf wenige Meter genau feststellbaren lokalen Gegebenheiten ab. Aktuelles Beispiel: der Stadthof. Hier kommen die Fachleute zu dem Schluss, dass die Pavillons eher schlecht für das Kleinklima sind, der Platz mit seinen glatten Oberflächen einen „Hang zu Turbulenzen hat“, wie Professor Katzschner formuliert. Ob die Erkenntnisse letztlich die Gestaltung des Rathaus-Vorplatzes beeinflussen, ist eine politische Entscheidung.

Sicher ist, dass man die Daten bei noch zu entwickelnden größeren Flächen beachten wird. Sabine Swoboda vom Umweltamt denkt da etwa an das MAN-Gelände in der Christian-Pleß-Straße, wo begrünte Innenbereiche geplant sind, oder auch an die Bebauung im Hafen und das Alessa-Areal zwischen Main- und Kettelerstraße.

Mit der Studie, sagt Umweltamts-Chefin Heike Hollerbach, werde nicht generell eine städtebauliche Entwicklung in Frage gestellt. Vielmehr gehe es um das Wie der Bebauung. Was etwa durch mehr Bäume, begrünte Fassaden, kühlende Baustoffe oder die richtige Ausrichtung von Gebäuden in Sachen Klima erreicht werden kann, macht Lutz Katzschner deutlich: Um bis zu sechs Grad könne so die Temperatur in Städten gesenkt werden. Für den Fachmann steht fest: Die globale Klimaerwärmung um zwei bis vier Grad wird kommen. Und sie wird sich in den Städten noch stärker auswirken als in ländlichen Gebieten.

Wie Sabine Swoboda ausführt, plant die Stadt eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst. Es soll eine Klimaprojektion bis 2050 erstellt werden. Dazu würden in einem ersten Schritt stationäre und mobile Messstationen eingerichtet, welche die nötigen Daten lieferten. Für Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne) stößt die Stadt mit der Klimafunktionskarte planerisch in eine neue Dimension vor. Das „Credo der innerstädtischen Verdichtung“ müsse künftig in Frage gestellt werden, es gelte Offenbach „klimagerecht weiterzuentwickeln“.

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